Hermann Grab

Werk

Der Stadtpark. Wien: Zeitbild -Verl. 1935.

Die Geschichte des Heranreifens des einzigen Sohnes einer Prager Patrizierfamilie, Renato Martin, ist mit dem Herbst 1915 und Frühjahr 1916 zeitlich abgesteckt. Mehr als mit der Schule, die stark deutsch-national orientiert ist, mehr als mit den Klavierstunden, in denen der Junge hervorragt, mehr als mit dem Fechtkurs hängt Renatos Innerlichkeit mit dem Stadtpark zusammen, wohin ihn der tägliche Spaziergang mit der englischen Gouvernante Miss Florence führt. Dort trifft er mit Marianne Gérard zusammen, die bald zum Objekt seiner stillen Bewunderung und seines unausgesprochenen Gefühls wird. Renato braucht aber auch einen Freund; erfolglos bleibt sein schmerzliches Werben um den physisch und mental reiferen Mitschüler Felix Bruchhagen. Sein Versuch, die zwei Menschen, die er liebt – Marianne und Felix – bekannt zu machen, wird Renato zum Verhängnis. Und doch versucht er, den glücklicheren Rivalen vor einem Skandal in der Schule zu retten, wobei er selbst Gefahr läuft, relegiert zu werden. Diese nicht allzu dramatische Episode hat für Renato ein äußerlich zunächst gutes Ende. (Erst später – hier verlässt der Erzähler das einzige Mal die Zeitebene, um Renato wissen zu lassen, was er damals nicht ahnen konnte – erfährt er, dass das Ereignis vielleicht indirekt den Tod seiner Tante herbeiführte). Felix bleibt Renato gegenüber verbittert, Marianne verschwindet aus der Stadt. Renato ist um grundlegende Erfahrungen reicher geworden.
Grab konzentriert sich auf das Festhalten von Augenblicken der inneren Entwicklung des sensitiven Jungen, von Momenten, in denen er verletzt oder vom Entdecken seines Ich überrascht wird. In der letzten Woche des Jahres 1915 erlebt Renato das Versinken in die Zeit, die äußerlich als das neue Jahr erscheint. Das Geheimnis der Zeit schließt das des Todes und das noch schwerer wiegende Geheimnis des Lebens in sich ein. Der Tod greift im Krieg um sich, ohne zu überlegen, das Leben aber fordert vom Menschen, dass er alles überlegt, was er tun oder lassen soll. Die Zeit ist identisch mit der Zukunft, die, eingeschränkt nur durch den Tod, eine unbeschränkte Zahl von Möglichkeiten bietet, deren Wert allerdings – eben angesichts des Todes – zweifelhaft erscheint. Das blitzartige Erfassen der Einheit von Unendlichkeit und Endlichkeit verursacht das Zusammenfließen von Empfindung und Erkenntnis, das in dem Jungen eine sehnsuchtsvolle Traurigkeit der Erwartung hervorruft.
Das Erleben des Raumes, seiner Metamorphosen, verschafft Renato das Gefühl verklärenden Glücks. Dieses Bewusstsein überkommt ihn beim Anblick eines zu früher Morgenstunde hell erleuchteten Ladens, in dem er von seinem Fenster aus die ausgestellten Früchte „in ihrer schönen und bedauernswerten Spielzeugexistenz“ sieht und die hantierenden Frauen beobachtet. Der guckkastenartige Anblick eines Ausschnitts der großen Welt vermittelt Renato die überwältigende Empfindung seiner selbst, das Bewusstwerden des eigenen Ich.
Nur bedingt kann der Roman als impressionistisch, d. i. – nach Grab – der ungebrochenen Weltsicht des Kindes entsprechend, bezeichnet werden. In seiner Max Brod gewidmeten Studie Die Schönheit hässlicher Bilder (1934) charakterisiert Grab den Impressionismus als „die letzte Vorpostenstellung… von der aus die Welt noch in unmittelbarer, sozusagen naiver Weise angeschaut wird“. Im Expressionismus sieht Grab „den Augenblick der Auflösung der äußeren Welt“, wogegen der Surrealismus, den er für progressiver hält, die aufgelöste Welt spielerisch rekonstruiert. Literarisch realisiert findet man diese Auffassung in der Schilderung von Schlüsselmomenten, in denen sich Renato aus der Haut des Kindes herausschält. Expressionistisch ist das Bild des Krieges, der sich „riesenhaft und schwarz und löchrig heraufwälzt“, surrealistisch das Bild des Knaben, der beim Erwachen seine Glieder in alle Richtungen zerstreut sieht und den „beim Einsammeln der einzelnen Körperteile die Frage erschreckt, ob das, was er zusammenfüge, auch ein Mensch unter den anderen Menschen sei“.
Die Verwandtschaft mit Proust ist unverkennbar, Grab selbst bezeichnete seinen Roman als einen „Proustschen“ und in seinem Vortrag über Proust klärt über sein eigenes Erfassen des Stoffes und seine Gestaltungsmethode auf. Die „reizvollen Kontrastwirkungen“, die „Zersetzung fester Gegebenheiten der Dingwelt und der Personenwelt“, das „Erlebnis einer sich verschiebender Perspektivenwirkung“, die er bei Proust findet, charakterisieren auch seine eigene Sicht. Ebenfalls in Stil und Satzbau lernte Grab bei Proust, wie durch Anhäufung von Relativsätzen und Einschachtelungen das Konkrete in verschwommene Ferne gerückt werden kann.
Grabs Stadtpark wurde nach dem Erscheinen vor allem von der Prager Kritik beachtet, die Rezensionen waren meist positiv (Thomas Mann, Heinz Politzer, Carl Seelig u.a.), manche (Klaus Mann, Willy Haas) rühmten zwar die Feinheit, die Beobachtungsschärfe und den Stil des Autors, beanstandeten aber den fehlenden Zeit- und Gesellschaftsbezug oder, wie Hermann Broch, den Mangel an innovativer Selbständigkeit der Form. Die späteren Auflagen (1947 u. 1948) wurden in der für Werke dieser Art nicht gerade günstigen Zeit wenig beachtet. Erst die Ausgabe von 1985 weckte neues Interesse der Rezensenten an dem Autor, dessen Werk nun vor allem vom Gesichtspunkt der Verbindung der wichtigen Momente der individuellen Entwicklung des Jungen mit dem Verfall einer Gesellschaft hoch gewertet wurde (H. G. Adler, Jeremy Adler, Peter Becher, Peter Bonsen u.a.). Ein durch den Verlust des deutschen Büchermarktes beschränktes Leserpublikum hatte Der Stadtpark in den 30er Jahren, später blieb das schmale Werk Grabs von der Leserschaft fast vollkommen unbeachtet und auch heute noch gehört es, trotz Neuauflagen, zu den „vergessenen“ Büchern. 

                                                                                                       Lucy Topoľská

Rezensionen

Das neue Weihnachtsbuch. Thomas Mann über ein neues Prager Buch. In: Prager Montagsblatt 57 (1934), Nr.50 (10. 12. 1934), S. 8.
Haas, Willy: Pražský Němec 1935. [Ein Prager Deutscher 1935.]  In: Literární noviny 7 (1935), Nr. 4, S. 3.
Mann, Klaus: Hermann Grab, Der Stadtpark. In: Die Sammlung 2 (1935), Nr. 7, S. 387 – 389.
C. S. [d.i. Carl Seelig]: Der Stadtpark von Hermann Grab. In: Neue Züricher Zeitung 156 (1935), Nr. 770, Beilage
Politzer, Heinz: Hermann Grab: Der Stadtpark. In: das silberboot 1 (1935/1936), H. 1, S. 46 – 47.
Strelka, Joseph P.: Ein österreichischer Proust. In: ders.: Brücke zu vielen Ufern. Wien, Frankfurt, Zürich 1966, S. 119. 
Härtling, Peter: Hermann Grab: Der Stadtpark. In: ders.: Vergessene Bücher. Stuttgart 1966, S. 143 – 150. (Neuafl. München 1986, S. 197 – 205.)
Becher, Peter: Schreiben am Abgrund. Hermann Grab – ein Erzähler aus dem Prager Kreis. In: Süddeutsche Zeitung 41 (1985), Nr. 117 (22. 5. 1985), S. 13.
Bonsen, Peter: Zweifelhaftes Glück. Der Exilautor Hermann Grab – eine Wiederentdeckung. In: Rhein-Neckar-Zeitung. Heidelberger Nachrichten 41 (1985), Nr. 183, o. S.
Weinzierl, Ulrich: Der kunstvoll gedämpfte Schrecken. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung 1985, Nr. 98 (27. 4. 1985). Beilage Bilder und Zeiten – Literatur, S. 5.
Unger, Karl: Planvoll beschädigte Novellen. Der Stadtpark, Erzählungen von Hermann Grab. In: Deutsche Volkszeitung 1985, Nr.31 (2. 8. 1985), S. 12.
Adler, Jeremy: Hermann Grab: Der Stadtpark. In: Times Literary Supplement 84 (1985), Nr. 4306 (11. 10. 1985), S. 1146.
Adler, H. G.:  Der Stadtpark und andere Erzählungen. In: Literatur und Kritik 21 (1986), H. 205 – 206, S. 273 – 275.