Johannes Urzidil

Biographie

* 3. Februar 1896 in Prag, röm.– katholisch.
† 2. November 1970 in Rom. Grab in der Animagruft des Campo Santo Teutonico, Rom (Vatikan).


Johannes Urzidil, im selben Jahr geboren wie Carl Zuckmayer, mit dem ihn im amerikanischen Exil eine enge Freundschaft verbindet oder wie Milena Jesenská, der er im Prager Kreis häufig begegnete, war 13 Jahre älter als Kafka und gehört somit in seinen literarischen Anfängen zur letzten Generation des ausklingenden Expressionismus.
    Als er noch nicht vier Jahre alt ist, stirbt seine jüdische Mutter, der deutsche katholische Vater heiratet eine Tschechin, die später als „Stief“ in seinen Erzählungen auftaucht und mit der er auf Kriegsfuß steht. Der Vater, ein Ingenieur im Eisenbahndienst, erzieht das Kind mit recht skurrilen Mitteln zu Toleranz und Aufgeschlossenheit, obwohl er zumindest verbal selbst ein deutschnationaler „Tschechenfresser“ war. Der Sohn akzeptiert und liebt den Vater trotz dessen rigider Pädagogik: ein Bruch mit der Vaterwelt wie bei Brod, Winder, Kafka oder anderen findet nicht statt. Johannes wächst in kleinbürgerlichem Milieu in Prag auf, gehört nicht zur „Stadtparkgesellschaft“ wie Werfel, Haas und andere, sondern besucht im tschechisch geprägten Stadtviertel Žižkov die Grundschule (als „hinternational“ bezeichnete Urzidil später seine Kindheitserfahrungen) und legt am Graben-Gymnasium 1914 die Matura ab, zusammen mit einer tschechischen Sprachprüfung, wobei ihm sehr gute Sprachkenntnisse attestiert werden. Dort, unter der heutigen Adresse Na Příkopě 16, Praha 1, befindet sich seit 1999 eine von der oberösterreichischen Landesregierung gestiftete Gedenktafel für Urzidil.
    Von 1914-1919 studiert er an der Prager deutschen Karl-Ferdinand-Universität Germanistik, Slavistik und Kunstgeschichte mit Abschluß des Absolutoriums, wobei er gleichzeitig seinen Wehrdienst in der Prager Lagerverwaltung ableisten kann.
    1913 publiziert Urzidil erste Gedichte im Prager Tagblatt, 1919 erscheint durch Vermittlung von Max Brod die erste Anthologie „Sturz der Verdammten“ [URZIDIL 1919]. Abgesehen von einigen wenigen in Zeitungen veröffentlichten Prosatexten der 20er und 30er Jahre und einer lebenslang fortlaufenden schmalen lyrischen Produktion, die den expressionistischen Überschwang schnell hinter sich lässt und später zwischen Impressionismus, Neuer Sachlichkeit und klassischen Ausdrucksformen oszilliert [URZIDIL 1930, URZIDIL 1957], bricht sein frühes literarisches Werk eigentlich hier ab. Hingegen profiliert er sich als Essayist und Publizist, bis etwa um 1955 er sich im New Yorker Exil mit seinen Erzählungen einen Namen macht, die zum großen Teil im untergegangenen Böhmen angesiedelt sind und die ihre Verwurzelung im Prager Kreis nicht verleugnen.
    Schon als Gymnasiast hatte Urzidil den Weg ins legendäre Café Arco gefunden. Max Brod (1884-1968), Willy Haas (1891-1973) und Paul Kornfeld (1889-1942) werden lebenslange Freunde, zu Franz Werfel (1890-1945) hält Urzidil bis zu dessen Tod engen Kontakt wie auch zu Rudolf Fuchs (1890-1942). Persönlich nahe stehen ihm auch andere deutschböhmische Autoren, vor allem Ludwig Winder (1889-1946), mit dem er 1922 den „Schutzverband Deutscher Schriftsteller“ ins Leben rief, Ernst Sommer (1888-1955), Ernst Weiß (1882-1940) oder Josef Mühlberger (1903-1985), sämtlich Anhänger einer „aktivistischen“ Einstellung, die die konfliktgeladene Situation zwischen  Tschechen und Deutschen in der ersten Republik auf parlamentarisch-demokratische Weise verbessern wollten. Und selbstverständlich galt auch Urzidils Verehrung dem alle überragenden Franz Kafka, den er näher kannte und auf den er die Totenrede nach dessen Bestattung 1924 in Prag hielt.
    Über seine Kontakte mit dem Verlag Gustav Kiepenheuer in Potsdam kam Urzidil auch in Verbindung mit deutschen Schriftstellern, so vor allem mit Hermann Kasack, mit dem er bis 1966 in Briefwechsel stand.
    Im Rückblick ebenso wichtig wie seine literarischen Kontakte erweisen sich heute Urzidils Dialoge im Bereich der bildenden Kunst und der Politik der Zwischenkriegszeit. Voraussetzung hierfür war ganz wesentlich seine Tätigkeit an der Deutschen Gesandtschaft in Prag, seit 1918 als Übersetzer und seit 1921 als „Pressebeirat“ bis zu seiner Entlassung durch das Auswärtige Amt in Berlin Anfang 1934. Der als örtlicher Mitarbeiter angestellte Nicht-Diplomat erfreute sich höchster Wertschätzung durch den langjährigen Prager Gesandten Dr. Walter Koch (1870-1947), der zwischen 1921-1935 im Amt war. In ihm fand Urzidil einen ihm intellektuell ebenbürtigen älteren Mentor, mit dem ihn neben der Liebe zur Literatur und Kunst eine konservativ-republikanische Überzeugung verband.
    Urzidils Bedeutung als Publizist bis zu seiner Emigration 1939 ist unübersehbar. Er schreibt als freier Mitarbeiter im Prager Tagblatt zwischen 1913 und 1939 über 70 Beiträge, in der Prager Deutsche Zeitung Bohemia von 1923-1938 sind es 124: Feuilletons, Literatur- und Theaterkritiken u. dgl., keine politischen Artikel. Anders im liberalen Berliner Börsen-Courier, für den Urzidil als Prager Korrespondent zwischen 1921-1933 arbeitet und wo von insgesamt 142 Beiträgen zwei Drittel politische Stellungnahmen sind. Politische Analysen erscheinen auch seit 1921 in bedeutenden Berliner Zeitschriften wie Das Tagebuch, Neue Rundschau, Preußische Jahrbücher, Zeitschrift für Politik und anderswo.In der Akzeptierung des tschechoslowakischen  Staates, dem Verlangen nach föderalistischer Binnenstruktur und der Forderung nach Gleichberechtigung der deutschen Minderheit bewegt sich Urzidil bewusst in der Tradition des böhmischen Landespatriotismus, dem freilich kaum noch politische Verbindlichkeit innewohnte. Fast erübrigt sich der Hinweis, dass Urzidil niemals die geringste Sympathie für nationalistische Tendenzen auf der einen oder andern Seite hatte. Für ihn sind Hitler wie Henlein Totengräber des Deutschtums in Böhmen. Th. G. Masaryk ist ihm Garant für die Verbesserung der Situation, nach ihm auch E. Beneš, von dem Urzidil sich erst um 1943 in den USA bitter enttäuscht abwendet, als dessen Pläne für eine Aussiedlung der Deutschen bekannt wurden.
    Als Urzidil nach 1933 nicht mehr in Deutschland publizieren kann, schreibt er in tschechischer Sprache 1936 zwei eindeutig kritische Aufsätze in F. Peroutkas bekannter Zeitschrift Přítomnost [Gegenwart] und vor allem 38 politisch antifaschistisch akzentuierte Aufsätze unter dem Pseudonym „Jean Dupont“ in der in Genf in französischer Sprache erschienenen Zeitschrift Journal des Nations zwischen 1936-1938. Jüngst erst aufgefunden wurden seine Beiträge im Verbandsorgan der deutschen Freimaurer in der CSR, Die Drei Ringe, das von 1925-1935 in Reichenberg [Liberec], danach in Prag erschien und dessen Schriftleitung Urzidil, damals selbst Freimaurer, zwischen 1934-1938 innehatte. Hier finden wir in 105 namentlich gezeichneten und 179 ihm zuzuschreibenden Texten grundsätzliche Abhandlungen zum Wesen der Demokratie, Rezensionen von in Deutschland verbotenen literarischen Neuerscheinungen und vieles mehr.
    Urzidils publizistisches Gesamtvolumen steigt nach 1935 noch weiter an, umfasst seine weiteren Goethe-Forschungen, die mit dem Ersterscheinen seines „Goethe in Böhmen“ 1932 [URZIDIL 1932] keineswegs erschöpft waren und erweitert beträchtlich seine kunstwissenschaftlichen Untersuchungen. In seiner 2003 erschienenen umfangreichen Darstellung „Johannes Urzidil – Život s českými malíři [Leben mit tschechischen Malern] verzeichnet Vladimír Musil [MUSIL 2003] von 1918-1938 171 Aufsätze Urzidils, deutsch und tschechisch, zu Themen der Bildenden Kunst, wobei die Beschäftigung mit der Malerei des tschechischen Symbolisten Jan Zrzavý (1880-1977), mit dem Urzidil lebenslang eng befreundet war, die Hauptachse bildet. Zwei Buchveröffentlichungen noch in diesem Zusammenhang: „Zeitgenössische Maler der Tschechen“[URZIDIL 1936a] und „Wenzeslaus Hollar, der Kupferstecher des Barock“, beide 1936 [URZIDIL 1936b].
Im Juni 1939, Prag ist schon von deutschen Truppen besetzt, gelingt Urzidil zusammen mit seiner Frau Gertrude, Tochter eines Prager Rabbiners, mit der er seit 1922 verheiratet ist, die Flucht mit gefälschten Ausreisevisen. Nach kurzem Aufenthalt in Norditalien gelangen beide mit dem Schiff von Genua nach England, wo sie am 1.8.1939 eintreffen und nach einem kurzen Aufenthalt in London in dem kleinen Ort Viney Hill in Gloucestershire leben. Bis April 1945 publiziert er mit abnehmender Intensität in Zeitschriften der tschechoslowakischen Exilregierung in London, vor allem im Čechoslovák v Anglii, 56 politische Artikel, die zunächst in deutscher Sprache, z.T. unter dem Pseudonym „Antibarbaros“, nach 1941 in tschechischer Sprache erscheinen. Sein Buch über Wencelaus Hollar wird 1942 in neuer Fassung ins Englische übersetzt [URZIDIL 1942]. Am 30.1.1941 verläßt das Ehepaar England und trifft am 12.2.1941 mit dem Schiff in New York ein. Die Reisekosten für die Schiffspassagen Genua-Southampton und Liverpool-New York übernahm mäzenatisch die wohlhabende englische Schriftstellerin Winifred Ellerman, die unter dem nom de plume „Bryher“ publizierte. Sie unterstützte Urzidil noch über längere Zeit, er widmete ihr dankbar einige seiner Bücher.

Die ersten Jahre in New York sind gekennzeichnet von wirtschaftlicher Not: Urzidil verkauft selbstgefertigte kunstgewerbliche Lederarbeiten, seine Frau arbeitet als Babysitter. Die Lage verbessert sich erst, als er 1951 eine Festanstellung bei der österreichischen Abteilung der „Stimme Amerikas“ erhält, später wird er auch Mitarbeiter des Münchner Senders „Freies Europa“. Über die bekannte Publizistin Dorothy Thompson knüpft er Kontakte zu amerikanischen Intellektuellen und steht sowohl mit deutschen, österreichischen wie auch tschechischen Exilkreisen in New York in enger Verbindung. Von besonderer Bedeutung ist seine Freundschaft mit Carl Zuckmayer. Seit 1941 bringt die New Yorker Zeitung Aufbau, wichtigstes Organ des deutschsprachigen Exils, Beiträge von Urzidil.
    1945 erscheint in New York „Der Trauermantel. Eine Erzählung aus Stifters Jugend“, die Urzidil noch in England konzipiert hatte [URZIDIL 1945]. 1946 erhält das Ehepaar die amerikanische Staatsbürgerschaft und Urzidil schreibt in literarisch-akademischen Zeitschriften vor allem zu den Themenbereichen Goethe, Stifter und Kafka. Seit 1948 finden wir seine Arbeiten auch in deutschen, österreichischen und Schweizer Periodika vorwiegend konservativer Prägung wie Neue Literarische Welt, Der Monat, Merkur, Christ und Welt, Schweizer Monatshefte, Wort in der Zeit (Wien) oder Literatur und Kritik (Wien).
    Der literarische Durchbruch erfolgt 1956 mit „Die verlorene Geliebte“[URZIDIL 1956], eine Sammlung von 11 Erzählungen, Reminiszenzen aus Urzidils aus böhmischer Kindheit und Jugend bis hin zum Exil in England. Der in Osnabrück lebende Schriftsteller Heinz Risse, den Urzidil auf seiner ersten Europareise 1953 kennenlernte, vermittelte die Veröffentlichung im Münchner Verlag Langen Müller. Die Rezeption in allen einschlägigen deutschsprachigen Medien urteilte sehr positiv, wie auch der Redakteur der Neuen Zürcher Zeitung, Hansres Jacobi, dessen Rezension 1957 zur Verleihung des in der Schweiz beachteten Charles-Veillon-Preises führte. Das Buch erlebte etliche Lizenz- und Nachdrucke, wurde später ins Italienische, Französische und Tschechische übersetzt und befreite Urzidil aus den gröbsten finanziellen Nöten.
    1959 folgt der einzige Roman in Urzidils œuvre: „Das große Halleluja“[URZIDIL 1959] eine umfangreiche Huldigung in mehreren Handlungssträngen an das ewig junge Amerika aus Sicht europäischer Einwanderer, unter Pseudonymen hineinverwoben Persönlichkeiten der New Yorker Kulturszene und des deutschen Exils.
    Anders wiederum das 1960 erschienene „Prager Triptychon“, 5 eng aufeinander bezogene Erzählungen aus Prager Tagen, die formal anspruchsvollste Arbeit Urzidils, mit Übersetzungen ins Italienische, Französische und Tschechische [URZIDIL 1960].
    1962 wird Urzidil zum korrespondierenden Mitglied der Akademie für Deutsche Sprache und Dichtung gewählt und es erscheint im Artemis-Verlag Zürich die neue, wesentlich erweiterte Ausgabe von „Goethe in Böhmen“ [URZIDIL 1962a], die nochmals 1965 und 1981 ergänzt wird. Außerdem der 3. Sammelband mit 15 Erzählungen „Das Elefantenblatt“, erstmals auch mit außerböhmischen Schauplätzen [URZIDIL 1962b].
    Angeregt von Heinrich Böll, wird Urzidil am 30.4.1964 mit dem Literaturpreis der Stadt Köln geehrt, ihm folgt im gleichen Jahr am 18.11. in Wien die Verleihung des Großen Österreichischen Staatspreises für Literatur. Es erscheint der Erzählungsband „Entführung und sieben andere Ereignisse“[URZIDIL 1964], erstmals ausschließlich in den USA angesiedelt, im Verlag Artemis in Zürich, wohin Urzidil von da an mit seiner ganzen Produktion überwechselt.
    1965 registrieren wir die Essaysammlung „Da geht Kafka“[URZIDIL 1965] das wahrscheinlich weltweit am meisten verbreitete Buch Urzidils, 1966 nochmals in erweiterter Fassung [URZIDIL 1966a], weiterhin der Sammelband „Die erbeuteten Frauen“[URZIDIL 1966b], Erzählungen aus Amerika und Böhmen und die Verleihung des Andreas Gryphius Preises (Ostdeutscher Literaturpreis) der Künstlergilde Esslingen. Es folgen 1968 Erzählungen aus den USA und Böhmen in dem Band „Bist Du es, Ronald?“[URZIDIL 1968] sowie 1969 zwei autobiografische Erinnerungen unter dem Titel „Väterliches aus Prag und Handwerkliches aus New York“ [URZIDIL 1969].
    Am 2. November 1970 stirbt Urzidil auf seiner siebten europäischen Lesungsreise im Auftrag österreichischer Kulturinstitute überraschend in Rom und findet seine Grabstätte auf dem Campo Santo im Vatikan. Eine Gedenktafel wird bald darauf am österreichischen Kulturinstitut in der Viale Bruno Buozzi 113 angebracht.
    Postum erscheinen bei Artemis 1971 noch teilweise dem Nachlaß entnommene Erzählungen „Die letzte Tombola“[URZIDIL 1971] sowie 1972 gesammelte Essays „Bekenntnisse eines Pedanten“[URZIDIL 1972].

Generell ist zur Rezeption von Urzidils erzählerischem Werk zu konstatieren, dass er den Höhepunkt seines literarischen Erfolgs mit den ersten Sammlungen „Die verlorene Geliebte“ und „Prager Triptychon“ erreichte. Amerikanische Schauplätze, wenngleich mit denselben sprachlichen und stilistischen Mitteln gestaltet, fanden bei seiner überwiegend älteren und nostalgisch gestimmten deutschen Leserschaft weniger Anklang.
    Jenseits eines radikalen Neuerungswillens der meinungsbildenden Gruppe 47, aber auch jenseits der in den Hintergrund gedrängten Literatur der sog. „Inneren Emigration“ blieb sein Werk im intellektuell-literarischen Diskurs der BRD eine vernachlässigte, in jeder Hinsicht exterritoriale Randerscheinung.
    Die deutschsprachige Literaturkritik sah ihn überwiegend nur in einer Nachfolge von Goethe, Stifter oder Kafka, ohne die spezifische Gestaltung seiner Prosa zu erkennen. Wenige Rezensenten lösten sich aus dem zu kurz greifenden Klischee des „Magischen Realismus“, so z.B. Joachim Kaiser in einer Rezension von „Die verlorene Geliebte“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 8.3.1958, Ulrich Weinzierl zum „Prager Triptychon“ am gleichen Ort am 5.3.1998, Hansres Jacobi zu verschiedenen Titeln in der Neuen Zürcher Zeitung zwischen 1957-1997, Astrid Claes im Merkur 1964 zu „Die verlorene Geliebte“[CLAES 1964] oder Karl August Horst zu „Das große Halleluja“ im Merkur 1960 [HORST 1960].

Das literarische Werk Urzidils gehört zweifellos zum Textcorpus Prager deutschsprachiger Autoren, wie es zugleich unter der Kategorie „Exilliteratur“ gesehen werden muß.
    Nicht in Deutschland, sondern in Frankreich erschien die einzig umfassend analysierende Monografie von Isabelle Ruiz: „Johannes Urzidil. Le dernier conteur pragois de langue allemand entre l´engagement et la distance“ [J.U. Der letzte Prager Erzähler deutscher Sprache zwischen Engagement und Distanz], welche die historische Szenerie Mitteleuropas ebenso einbezieht wie Urzidils philosophisches Denken und seine Entwicklung als Schriftsteller. Sie entstand als „thèse pour le doctorat“, vergleichbar einer Habilitationsschrift in Deutschland, 1992 an der Pariser Sorbonne III und wurde erweitert 1997 im Eigenverlag vorgelegt. (Die Autorin lehrt heute neuere deutsche Literatur an der Universität Rennes). Vor ihr hatte Richard Thieberger (Nizza) schon häufig zu Urzidil publiziert. [THIEBERGER 1982].

Die deutschsprachige akademische Germanistik notierte Urzidil ebenfalls nur in der Umgebung Kafkas oder in seiner intensiven Beschäftigung mit Stifter und Goethe. Ausnahmen bilden hier vor allem Hartmut Binder (Ludwigsburg) [BINDER 1986] und Peter Demetz (New Haven, USA) [DEMETZ 1999a]. 
    Auch italienische Germanisten haben sich häufiger wissenschaftlich mit Urzidil beschäftigt: Claudio Magris (Triest/Turin), wichtigster Anreger und Ideengeber, [MAGRIS 1963], Christa Helling (Triest) [HELLING 1981], Paolo Chiarini (Rom) [CHIARINI 1990], Guiseppe Farese (Bari) [FARESE 1986] oder Antonio Pasinato (Genua) [PASINATO 1993].
    Bemerkenswert auch die jüngere Rezeption Urzidils in der Tschechischen Republik: Jiří Veselý (Prag) [VESELÝ 1985], Ivan Klíma (Prag) [KLÍMA 1994] Ingeborg Fialová (Olmütz) [FIALOVÁ 1997] Antonín Měšt’an (Freiburg/Br.) [MĚŠT’AN 1999], Věra Machačková-Riegerová (Prag) [MACHAČKOVÁ 1999], Alena Kováříková (Pilsen) [KOVÁŘIKOVÁ 2000],  Jitka Křesálková (Prag) [KŘESÁLKOVÁ 2000] oder Kurt Krolop (Prag) [KROLOP 1967].
    Im Mai 2006 wurde durch die tschechische Johannes-Urzidil-Gesellschaft (Horní Plána – Oberplan) in einem renovierten ehemaligen Pfarrhaus des nahezu gänzlich zerstörten böhmerwäldischen Orts Glöckelberg [Zadní Zvonková] ein Museum eröffnet, das Urzidils wiederholte Aufenthalte in den 30-er Jahren dokumentierte, inzwischen aber wieder geschlossen wurde (Stand 2010).

Betrachtet man das erzählerische Gesamtwerk des „sanften Anarchisten“ (Georg Aescht) Urzidil im Rückblick, so wird erkennbar, dass seine von Anfang an bewunderte Memorialpräsenz, die sich in authentischen, z.T. autobiografischen Elementen niederschlägt, in einer kraftvollen, farbigen wie nuanciert empfindsamen sprachlichen Gestaltung ihre unverwechselbare Form findet, hier verstanden als literarische (Re-)Konstruktion von Lebenszeit und Lebensräumen. Der poetische Überschuß in seiner Prosa, die ein lebensbejahendes Gleichgewicht von Liebe und Trauer, Glück und Scheitern, permanentem Abschied und allgegenwärtigem Tod zu wahren wagt und dabei durchaus Hoffnung, wenn auch keine Botschaft vermittelt, wird von einer Spiritualität grundiert, die sie von einer zeitweise im Vordergrund des aktuellen literarischen Diskurses stehenden selbstreferentiellen Literatur unterscheidet. Gleichwohl unterstreicht Peter Demetz Urzidils Zugehörigkeit zur zeitgenössischen deutschen Literatur:
    „Die Modernität der Schriften Urzidils liegt an jener fragilen Grenze des Epischen und des Essays, wo er – wie zum Beispiel im ´Prager Triptychon´, im ´Weissenstein´, oder in vielen Kapiteln der Goethe-Studie – mit Gattungen und Schreibarten spielt und sich auf das offene und verborgene Zitat hinbewegt, das Pastiche, die Parodie, oder gar jene artistische Mimikry, die einem klassischen Vorbild eben dort huldigt, wo seine Manier nicht nachahmt, sondern in raffinierter Kunst neu erschafft“ [DEMETZ 1999].

Es sei erlaubt, Urzidils Episoden eine letzte anzufügen, die ihn gewiß sehr amüsiert hätte. Jana Tichá, eine dankbare Leserin und Astronomin an der Budweister Sternwarte auf dem Klet’ [Schöninger], hat Urzidil eine kosmische Ehre zukommen lassen. Sie entdeckte am 5. Mai 2006 einen Asteroiden, dem sie den Namen „Urzidil“ gab und der unter der Nr. 70679 auf elliptischer Bahn zwischen Mars und Jupiter um die Sonne kreist. Urzidil hat es damit eindeutig weiter gebracht als die meisten seiner Kollegen von der schreibenden Zunft. (Gerhard Trapp)