Studienreise "Entlang der Elbe" vom 11.-15. Juli 2011
Als erste Station der Reise wurde der traditionelle Weinort Groß-Tschernosek/Velké Žernoseky bei Leitmeritz/Litoměřice angesteuert. Neben dem Melniker Wein wird dort der einzige Wein mit überregional gutem Ruf in Böhmen hergestellt. Den bei Tschernosek erfolgenden Eintritt der Elbe in das böhmische Mittelgebirge (Lobositzer Elbpforte oder Porta Bohemica) beschrieb Heinrich von Kleist einst so: „Wie eine Jungfrau unter Männern erscheint, so tritt sie schlank und klar unter die Felsen – leise mit schüchternem Wanken naht sie sich – das rohe Geschlecht drängt sich, den Weg ihr versperrend, um sie herum, der glänzend Reinen ins Antlitz zu schauen – sie aber, ohne zu harren, windet sich flüchtig errötend hindurch“.
Anschließend wurde von Kamaik/Kamyk aus der Dreikreuzberg/Kalvárie besucht, von dem aus man eine wunderschöne Sicht auf die Elbe und die Porta Bohemica genießt.
Ein kurzweiliger Stadtrundgang mit dem Aussiger Germanisten Jan Kvapil durch Leitmeritz/Litoměřice brachte den Teilnehmern am nächsten Tag die Höhepunkte dieses schönen Elbstädtchens nahe: das am wunderschönen, großflächigen Stadtplatz (Náměstí míru) gelegene Kelchhaus, welches das einstige Bekenntnis der Stadt zu den Lehren von Jan Hus signalisierte und heutiges Wahrzeichen der Stadt ist, der Leitmeritzer St.-Stefans-Dom und das Priesterseminar auf dem Domplatz, lange Jahre Zentrum der Priesterausbildung in Böhmen, die Bekanntschaft mit dem tschechischen Dichter Karel Hyněk Mácha und seinem frühen Tod in Leitmeritz, das Jesuitenviertel, einst Zentrum der katholischen Gegenreformation, das Renaissance-Rathaus u. v. m.
Südlich davon auf der anderen Seite der Elbe befindet sich Theresienstadt/Te-rezín, in dem sich die Reiseteilnehmer mit der grauenvollen Geschichte des von den Nationalsozialisten eingerichteten Juden-Ghettos, durch das 150 000 Menschen gingen, bekannt machten. Besucht wurde auch die berührende Ausstellung „Kunst und Kultur im Ghetto Theresienstadt“ in der Magdeburger Kaserne, die u. a. an Komponisten wie Viktor Ullmann oder Hans Krása erinnerte. Auf dem Georgsberg/Říp, auf dem der Legende nach einst Urvater Čech mit seinem Volk beschloss, sich in Böhmen niederzulassen, schilderte schließlich der ehemalige Münchner Stellvrtr. Generalkonsul der Tschechischen Republik, Jan Hloušek, die mythische und nationale Bedeutung des Berges, wobei er einen Schwerpunkt auf die tschechische Nationalbewegung des 19. Jhd. legte.
In Melnik/Mělník fließen Moldau und Elbe zusammen, legt man die Wassermenge als Kriterium für die weitere Fluss-Bezeichnung zu Grunde, müsste Hamburg an der Moldau liegen. Von den Schönheiten des Melniker Lobkowitz-Schlosses, u. a. mit wunderbaren Stadtveduten wichtiger Handelsmetropolen der frühen Neuzeit ausgezeichnet, konnten sich die Teilnehmer direkt bei einer Führung überzeugen. Nebenbei gab es dabei vom Schlossführer, der in den siebziger Jahren aus der ČSSR in die Schweiz geflohen war und nach der Wende nach Tschechien zurück kehrte, spontan noch sehr viele interessante Informationen über sein eigenes Remigranten-Schicksal.
Bei der nachmittäglichen freundschaftlichen Begegnung auf dem Schloss Neu-Perstein/Nový Perštejn in Dauba/Dubá erzählten die sympathischen Schlossbesitzer, Markéta und Míra Slezák, die Hintergründe des Erwerbs dieses Kulturdenkmals und zeigten den Teilnehmerm auch die Schlossräumlichkeiten sowie eine interessante Ausstellung mit historischen Karten der Daubaer Schweiz. Zum Schluss des dritten Tages folgte eine Diskussion mit Zora Šepsová am Gedenkstein auf dem Friedhof von Haida/Nový Bor, der an acht im Juni 1945 vor Ort erschossene Deutsche erinnert. Frau Šepsová betonte die eindeutige Position der aktuellen Stadtspitze für den Gedenkort, verhehlte aber nicht, dass die Initiierung und Aufstellung des Gedenksteines bis heute von ortsansässigen Gegnern scharf attackiert und ein langer Atem benötigt wurde.
Nina Nováková führte die Reisegruppe am folgenden Tag engagiert durch die Wenzelskirche in Altbunzlau/Stará Boleslav, dem Schauplatz der Ermordung des Hl. Wenzels durch seinen Bruder Boleslav im Jahr 935. In der dortigen Krypta war er einst einige Jahre begraben, bevor sein Bruder einer Überführung in die Prager Veitskirche zustimmte. In der Altbunzlauer Maria-Himmelfahrtskirche präsentierte Frau Nováková auch das Original des Gnadenbildes „Palladium des Landes Böhmen“, dessen Entstehungsgeschichte der Legende nach mit einer alten Ikone des Hl. Wenzel verbunden wird.
Im Anschluss fuhr die Reisegruppe auf den Friedhof nach Wschetat/Všetaty, auf dem Jan Palach, der sich am 16.1.1969 aus Protest gegen die Lethargie seiner Landsleute nach der Niederschlagung des Prager Frühlings selbst verbrannt hatte, von 1973-1990 bestattet war. Heute befindet sich dort auch ein Denkmal zu Erinnerung an diese Selbstverbrennung. Palachs Abschiedsbrief sowie bewegende Texte von Zeitgenossen über seine Tat wurden in einer Kurzlesung vorgetragen. Im Nationalpark Kokořinsko, früher auch als Daubaer Schweiz bezeichnet, wurde die Burg Kokorschin/Kokořín besucht, anschließend wanderten die Teilnehmer von Draschen/Dražejov nach Nedoweska/Nedvězí, wo sie auf dem Gipfel mit einem wunderbaren 360°-Panorama über die mittel- und nordböhmische Landschaft belohnt wurden.
Auf der Rückreise am letzten Tag besuchten die Teilnehmer noch das Geburtshaus von Antonín Dvořák in Mühlhausen/Nelahozeves, wo sie zu den Klängen der „Slawischen Tänze“ die dortige Ausstellung über die Jugendjahre sowie Leben und Werk des Komponisten besichtigten. Ein Kurzbesuch des „Museums des eisernen Vorhangs“ am alten Grenzübergang in Waidhaus/Rozvadov, das an die Jahre des Kalten Krieges erinnerte, bildete den Schlusspunkt der Reise. Die Teilnehmer waren sich einig, dass insbesondere die persönlichen Begegnungen vor Ort maßgeblich zum Gelingen der Reise beigetragen hatten.
© Fotos: Adalbert Stifter Verein














