DeutschEnglischTschechisch
Facebook

Franz Carl Weiskopf

Biographie

* 3.4.1900 Prag
† 19.4.1955 Berlin

 

Der Prosaist, Lyriker, Übersetzer, Kritiker, Publizist und Journalist Weiskopf gehörte der jüngeren Generation der Prager deutschen Literatur an und repräsentierte mit E. E. Kisch ihre politisch aktive, kommunistische Komponente. An der deutschen Universität Prag studierte er Germanistik und Geschichte (Dr.phil.1923). In der 1918 entstandenen Tschechoslowakei wirkte er als linksorientierter Journalist, Organisator der sich revolutionär gebärenden deutschen und tschechischen Studentenbewegung und nahm teil auch an der Redaktion der Studentenzeitschrift Avantgarda. Auch ist er Mitglied der tschechischen Schriftstellervereinigung Devětsil (Neunkraftwurzel) geworden. 1928 verließ er die Tschechoslowakei, wo es nicht genug Möglichkeiten für eine linksgerichtete, deutsche Literatur gab, und schloss sich in Berlin dem Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller an. Hier redigierte er die Zeitung Berlin am Morgen und schrieb für mehrere Periodika. Nach dem nationalsozialistischen Umsturz in Deutschland 1933 ist er nach Prag zurückgekehrt, wo er die deutschen politischen Emigranten unterstützte und deren Wirken in dem ihm vertrauten Milieu vermittelte. Hier arbeitete er für mehrere Zeitschriften und gab die aus Berlin „hergebrachte“ AIZ heraus (mit dem neuen Titel Volkillustrierte). Nach der Mitte der dreißiger Jahre, als die Bedrohung der Tschechoslowakei von Seiten des Deutschen Reiches akut geworden ist, konzentrierte Weiskopf seine literarische Tätigkeit auf tschechische Themen, seine politische auf die Verteidigung der Republik und ihrer Demokratie, die er vor wenigen Jahren noch abgelehnt hatte. Auch setzte er sich kritisch mit der „sudetendeutschen“ Bewegung auseinander. 1939 emigrierte er mit seiner Frau Alex Wedding zuerst nach Paris, dann nach New York. In den USA schrieb er für mehrere exildeutsche, exiltschechische und amerikanische Zeitschriften und popularisierte sowohl den tschechoslowakischen als auch den deutschen Widerstand gegen den Hitlerismus. Nach dem Krieg war er als tschechoslowakischer Botschaftsrat in den USA beschäftigt. 1949 ist er nach Prag zurückgekehrt. In den folgenden Jahren wirkte er als tschechoslowakischer Diplomat in Schweden und 1950-52 in China. 1953 verließ er die Tschechoslowakei, bedroht von der politischen und antisemitischen Kampagne, die in der Zeit der stalinistisch geleiteten Prozesse betrieben wurde, und rettete sich durch seinen Übergang in die DDR. In Berlin, wo er u. a. die Zeitschrift Neue deutsche Literatur redigierte, blieb er bis zu seinem Tode.

 

Der junge Weiskopf verstand sich vor allem als Lyriker, doch blieb er auf diesem Gebiet ohne bedeutendere Werke. 1923 erschien sein Buch revolutionärer Gedichte Es geht eine Trommel. Seine verdienstvollste Leistung im Bereich der Poesie war die Übersetzung seiner Auswahl tschechischer Gedichte, die damals als repräsentativ gelten konnte: Tschechische Lieder (1925). Eine erweiterte Fassung dieser Auswahl erschien dann 1937 mit dem Titel Ein Herz – ein Schild. In späterer Zeit tritt die Lyrik in Weiskopfs Schaffen in den Hintergrund. Allerdings verfasste er – in der Zeit seines Aufenthaltes in Peking – Nachdichtungen aus dem Chinesischen: Gesang der gelben Erde (1951) und Des Tien Tschien Lied vom Karren (1953). – In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre schrieb er sozialkritische und satirische Erzählungen aus tschechischem Milieu: Die Flucht nach Frankreich (1926), Wer keine Wahl hat, hat die Qual (1928), Der Traum des Friseurs Cimbura (1930). Sein erstes größeres episches Werk war der auf seinen eigenen Erlebnissen aus den bewegten Jahren 1918-1920 fußende, in Ich-Form erzählte Roman Das Slawenlied (1931), tschechisch Převrat (1932), dessen Titel sich auf das Lied „Hej, Slované“ bezieht, mit dem das tschechische Volk in den Kampf um seine nationale Freiheit zog und die neuentstandene Republik begrüßte. Weiskopf wollte einen neuen, „dynamischen“ Stil der Sprache und Erzählweise zur Geltung bringen, im Einklang mit seiner damaligen Vorstellung von der Überholtheit des Genres Roman und von der Notwendigkeit, neue epische Gattungen zu schaffen. Dieser sein Stil ist z. T. den Nachwirkungen des Expressionismus verbunden und bedeutet nicht, dass der Roman völlig von der Reportage ersetzt werden muss, wie sich das manche seine Kollegen in dem Berliner revolutionären Bund vorgestellt haben. Der Text des Romans zerfällt in zwei verschiedene Formgebiete. Auf der einen Seite werden die subjektiven Erlebnisse und Wahrnehmungen des Erzählers dargeboten, auf der anderen politische Proklamationen und Darlegungen präsentiert. Dem Verfasser ist es gelungen, die Gedanken- und Gefühlswelt eines jungen Menschen zum Ausdruck zu bringen, in dem die Einflüsse des Denk- und Lebensstils aus den letzten Jahren der Donaumonarchie negativ nachklingen und der gegen sie rebelliert. Der junge Revolutionär nimmt aber bald Stellung auch gegen die Tschechoslowakische Republik – ihre neugeschaffene Ordnung versteht er als tschechisch-nationalistisch und der Abeiterklasse „klassenfeindlich“. Das Proletariat in Prag ist allerdings tschechisch und stark national gesinnt. Den Ausweg aus der Spannung zwischen dem nationalen und dem politisch-sozialen Moment findet er in der Anlehnung an die Kommunistische Internationale.

 

Im amerikanischen Exil vertrat Weiskopf die Anschauung, der faschistenfeindliche Schriftsteller müsse aktiv in die gesellschaftliche Aktualität eingreifen. Dies sei möglich mit der Hilfe des „einfachen Romans“, der illustriert und mobilisiert, ohne eine umfangreiche, psychologische, historische, philosophische etc. „Ausstattung“ und ohne Stilexperimente. Ein solches Werk stellt sein Roman Vor einem neuen Tag (1942) dar, in welchem der tatsächliche Aufstand in der Slowakei von 1944 fiktiv um zwei Jahre „vorhergesagt“ wird. Tiefer greift der Roman Himmelfahrtskommando (1944) durch seine Porträtierung eines deutschen Soldaten aus Böhmen, der an der Unterdrückung und Massakrierung der Tschechen teilzunehmen gezwungen wird und der eine innere Entwicklung vom nationalsozialistischen Glauben zur Erkenntnis der Kriegsschuld der deutschen Nation durchmacht. – Parallel mit dem starken Engagement für die Bekämpfung des Nationalsozialismus verläuft aber in der Psyche des Schriftstellers auch ein anderer Prozess, nämlich die Auseinandersetzung mit der verklungenen Welt Prags und Österreich-Ungarns vor dem Ersten Weltkrieg. Daraus ergab sich der Roman Abschied vom Frieden (1946), der sich später zur Trilogie Kinder ihrer Zeit erweitern sollte.

 

Weiskopf hat eine Menge Reportagen geschrieben; die meisten waren Reiseberichte über die großen Länder der „sozialistischen Welt“. Zwei Sammlungen waren der Sowjetunion gewidmet: Umsteigen ins 21. Jahrhundert (1927) und Zukunft im Rohbau (1932). Das erste Buch ist mehr literarisch stilisiert, das andere mehr journalistisch. Der Aufenthalt in China ergab das Buch Die Reise nach Kanton (1953).

 

Weiskopf hat versucht, die Tradition der deutschen, literarischen Anekdote im Geiste Kleists und Hebels zu erneuern. Die vollständige Sammlung seiner Miniaturen ist postum erschienen – Das Anekdotenbuch (1959). Dieser Versuch ist allerdings verklungen, offensichtlich wegen der einseitigen Themenwahl und politischen Einstellung der Geschichten. – Weiskopf verfasste auch die erste und für mehrere Jahre einzige übersichtliche Studie über die deutsche Literatur im Exil 1933-1945 – Unter fremden Himmeln (1948).

 

Weiskopfs Bücher wurden zumeist mehrere Male herausgegeben und in verschiedene Sprachen übersetzt – ins Englische, Tschechische, Slowakische, Polnische, Spanische, Russische. Weiskopf ist auch Autor von Hunderten von Artikeln, Kritiken, Rezensionen, die  in einer Reihe von Zeitschriften verstreut sind, und Herausgeber einiger Anthologien.

 

F.C. Weiskopf war Schriftsteller von solid mittelmäßigem Rang, mitteleuropäisch gebildeter und denkender Intellektueller, eifriger Journalist und Kritiker, marxistischer Literat vom Typus des „Salonkommunisten“, dessen jugendliche Begeisterung für die alle erlösende „proletarische Revolution“ nach und nach abgekühlt ist, namentlich in seinen letzten Jahren. Er war ein treuer Bürger der Tschechoslowakischen Republik (die er zuletzt verlassen musste), Freund der Tschechen und ihrer Literatur, Vermittler zwischen den beiden Kulturen in den böhmischen Ländern. Er verstand die Welt der ehemaligen Donaumonarchie, besonders die kultivierten Schichten ihrer Sprache und ihres Lebensstils. Seine späte, unverhohlene Kritik an dem „Parteichinesisch“ der Funktionäre und Journalisten der DDR bewegt sich in den Fußstapfen von Karl Kraus Auffassung der Sprache; durch Bloßstellung der „verdorbenen Sprache“ des Systems verübt er die Bloßstellung des gesamten Systems. Davon zeugten seine Verteidigung der deutschen Sprache (1955) und entsprechende Texte in der Zeitschrift Neue deutsche Literatur.

 

Ludvík Václavek (Olmütz)

Biobibliographie

 

Primärliteratur

 

Föhn. Drama. 1921

Es geht eine Trommel. Gedichte dreier Jahre. 1923.

Země na druhém břehu. Schauspiel. 1925.

Tschechische Lieder. Nachdichtungen. 1925.

Die Flucht nach Frankreich. Erzählungen. 1926.

Umsteigen ins 21. Jahrhundert. Reportagen. 1927.

Wer keine Wahl hat, hat die Qual. Erzählungen. 1928.

Der Traum des Friseurs Cimbura. Erzählungen. 1930.

Das Slawenlied. Roman. 1931.

Zukunft im Rohbau. 10.000 Kilometer durch die Sowjetunion. Reportagen. 1932.

Die Stärkeren. Anekdoten. 1934.

Das Herz – ein Schild. Nachdichtungen aus dem Tschechischen und
Slowakischen. 1937.

Die Versuchung. Roman 1937. (1954 unter dem Titel Lissy oder Die Versuchung.)

La tragédie tchécoslovaque. Historischer Abriss. 1939.

The Untamed Balkans. Historischer Abriss. 1941.

Vor einem neuen Tag. Roman. Englisch 1942, slowakisch Brieždi sa 1943,
deutsch 1947

Himmelfahrtskommando. Roman. Englisch 1944, deutsch 1945.

Hundred Towers. Anthologie. 1945.

Unter fremden Himmeln. Ein Abriss der deutschen Literatur im Exil 1933-1947. 1948.

Zwielicht an der Donau. Roman. Englisch 1946, deutsch mit dem Titel Abschied vom Frieden 1950.

Kinder ihrer Zeit. Roman. Englisch 1948, deutsch mit dem Titel Inmitten des Stromes. 1955.

Der ferne Klang. Erzählungen. 1950.

Brot und Sterne. Nachdichtungen aus dem Tschechischen und Slowakischen. 1951.

Gesang der gelben Erde. Nachdichtungen aus dem Chinesischen. 1951

Die Reise nach Kanton. Reportagen. 1953.

Des Tien Tschien Lied vom Karren. Nachdichtungen aus dem Chinesischen. 1953.

Aus allen vier Winden. Reportagen. 1954.

Heimkehr. Erzählung. 1955.

Verteidigung der deutschen Sprache. 1955.

Literarische Streifzüge. 1956.

Das Anekdotenbuch. 1959.

Welt in Wehen. Romanfragment. 1960.

Ausgewählte Werke in Einzelausgaben. 12 Bände. 1947-1959.

Gesammelte Werke. Ausgewählt von Grete Weiskopf und Stefan Hermlin unter Mitarbeit von Franziska Arndt. 8 Bände. Berlin 1960. Dietz-Verlag.

 

Sekundärliteratur (Auswahl)

 

Albrechtová, Gertruda: Slovensko v diele F.C. Weiskopfa. Nová literatúra, Sept.-Okt.1957.

Arndt, Franziska – Roscher, Achim: Vorläufige Bibliographie der literarischen Arbeiten von und über Franz Carl

Weiskopf. Deutsche Akademie der Künste,     Schriften der Literaturarchive, Berlin/DDR 1958, Heft 1.

Arndt, Franziska: F.C. Weiskopf. – In: Egon Erwin Kisch – Franz Carl Weiskopf. Schriftsteller der Gegenwart 11, Berlin 1963. Volk und Wissen. S. 93-152.

Dunstmair, S.: Wege der Schuld aus zeitgenössischer Sicht im Exil. Die Darstellung des Kleinbürgers bei F.C.

Weiskopf und Arnold Zweig. – In: Anpassung und Utopie. Hg. T. Kraft u. D.R. Moser, München 1987, S. 71-89.

Hiebel, Irmfried: Die Herausbildung literarischer Grundsätze bei F.C. Weiskopf. Dissertation, Leipzig 1965.

Hiebel, Irmfried: F.C. Weiskopf. – Schriftsteller und Kritiker. Zur Entwicklung seiner literarischenAnschauungen. Berlin, Aufbau 1973.

Hiebel, Irmfried: Nachwort in: F.C. Weiskopf, Unter fremden Himmeln, Berlin 1981, Aufbau Verlag, S. 219-235.

Hofman, Alois: Literárněkritické práce F.C. Weiskopfa. Časopis pro moderní filologii, 1957, S. 315 f.

Koch, Hermann: Der Erzähler F.C. Weiskopf. Diplomarbeit, Leipzig 1959.

Krause, Eveline: Traditionen der Weiskopfschen Anekdoten. Weimarer Beiträge 1962, Nr. 4.

Kundera, Ludvík: Německé portréty. Praha 1956, Čs. Spisovatel.

Mayer, Hans: Weiskopf der Mittler. Neue Deutsche Literatur 1957, Nr. 9.

Roscher, Achim – Weiskopf, Grete (Hg.): Weiskopf. Ein Lesebuch für unsere Zeit. Weimar. 1963. Volksverlag Weimar.

Tille, H.: Die Kunst der Charakterisierung im epischen Schaffen F.C. Weiskopfs. Dissertation, Halle/S. 1968.

Václavek, Ludvík: F.C. Weiskopf und die Tschechoslowakei. Acta Universitatis Palackianae Olomucensis. Praha 1965, Státní pedagogické nakladatelství.

Václavek, Ludvík: Das lyrische Werk F.C. Weiskopfs. Philologica Pragensia 1965, Nr.1, S. 14-26.

Václavek, Ludvík: Weiskopfovy překlady české poezie. Časopis pro moderní filologii 1968, Nr. 1, S. 8-19.

Weiskopf, Grete-Hermlin, Stefan – Arndt, Franziska (Hg.): Erinnerungen an einen Freund. Ein Gedenkbuch. Berlin/DDR, 1963. Deutsche Akademie der Künste.

Werner, Vilém: České motivy v díle F.C. Weiskopfa. Časopis pro moderní filologii 1954, Nr. 3, S. 135 f.

 

Ludvík Václavek

Menü

Menü schließen

Gefördert durch:

Kontakt
Presse
Newsletter
Datenschutz
Impressum
Sitemap