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9. April 2020

Efraim K. Sidon: Ist der Frühling da?

 

Ist der Frühling da? Durch die Westfenster schaue ich hinaus auf den Petersplatz mit den paar noch kahlen, aber sicher schon treibenden Platanen, und bisweilen betrachte ich die Menschen, bisweilen auch zähle ich sie. Der kleine Platz scheint leer, und dennoch, in nur wenigen Minuten habe ich zehn Leute gezählt, die ihn überquerten, Nase und Mund selbstverständlich verdeckt.

 

Und da fällt mir ein, „der Frühling ist da“, um es mit dem Titel einer Feuilleton-Reihe von Ludvík Vaculík zu sagen. Wir aber haben Hausarrest, auch die Kinder, und Gott allein weiß, für wie lange, als habe irgendwer da oben die Absicht, jene Gewissheit in Zweifel zu ziehen, die uns Menschen immer geholfen hat, schlimme Zeiten zu überstehen. Als Zeitzeuge von Vater Vaculíks ersten Samisdat-Feuilletons weiß ich, dass allein schon ihr Titel „Der Frühling ist da“ nicht anpassungswillige Bürger, über die der Staat Quarantäne verhängt hatte, ermutigen wollte, denn die Natur hatten sie gewissermaßen auf ihrer Seite. Vaculík hat uns mit seinen Feuilletons signalisiert, dass den Anbruch des Frühlings in Abrede zu stellen auch ein noch so perfides System nicht die Macht hat. Dieses Jahr allerdings kommt mit dem Frühling zugleich das Coronavirus, das selbst ein Stück Natur ist, und der Staat sitzt genau so in der Patsche wie die, die in ihm leben.

 

Der blaue Himmel, der sich dank Corona über Wuhan zeigte, hat auch Unbelehrbaren demonstriert, dass für die Verschmutzung der uns nahen Himmelsschichten wir, die wir darunter leben, die Schuld tragen. Westliche Firmen haben ihre Produktion nach China verlegt, dort ist Arbeitskraft billiger, und da es den Chinesen inzwischen um einiges besser geht als früher, reisen sie nun auch überall dahin, wo die Luft sich leichter atmen lässt als zu Hause. Umgekehrt stürmen Amerikaner und Europäer nach China, um eine kommunistische Welt in westlicher Verpackung zu sehen. Alles rotiert im Reisetrubel, Hoteliers und Reisebüros, Fluglinien, Automobilwerke und auch die Landwirtschaft, und in dieses Feuer gießt systematisch noch die Reklame ihr Öl, indem sie paradiesische Erlebnisse durch freie Bewegung kreuz und quer über den ganzen Planeten verspricht. Bezahlt wird die Reklame von den Verkäufern der Paradiesfrüchte, und die wiederum werden bezahlt von denen, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen und also Geld ausgeben können. Damit will ich sagen, was wohl jedem klar ist, dass nämlich von diesem Karussell niemand abspringen kann, es sei denn, man hält es an, was auch wieder keiner will. Corona aber hat nun genau dies für eine Weile getan, und die Folgen der Maßnahmen gegen das Virus haben die Weltwirtschaft jetzt schon in eine Krise gestürzt.

 

Sollten wir nicht in der Zeit, bis die Räder der Volkswirtschaften sich von Neuem zu drehen beginnen, in uns gehen und uns unseren Anteil an dem Übel eingestehen? Den Schluss daraus ziehen, dass wir den Krieg, den wir der Natur erklärt haben, durch eigenes Verschulden verlieren? Nicht die Natur führt einen Krieg gegen uns, sie ist einfach, wie sie ist, und respektieren die Menschen die Realität nicht, dann schaden sie sich selbst. Leider sage ich nichts Neues, es ist die Krankheit, die der menschlichen Zivilisation seit Anbeginn innewohnt.

 

Ein Zusammenhang aber, so scheint mir, verdient besondere Aufmerksamkeit: die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Sie besagt, dass die Menschheit nur eine war, eine Gemeinschaft an einem Ort. Heute ist für uns dieser Ort der Planet Erde, da es Gott damals nicht gefiel, dass die Menschen, um sich einen Namen zu machen, einen Turm bauen wollten, der bis in den Himmel reicht. „Sieh an, ein Volk, eine Sprache, und jetzt das“, hat Gott sich gesagt, als er ihr Werk besah, „wer würde sie jetzt noch hindern zu tun, was immer sie sich in den Kopf setzen!“ Doch damit sie von dem begonnenen Bau abließen und sich nicht länger einen Namen machen wollten, hat er ihnen die Sprache verwirrt und keiner mehr konnte den andern verstehen. Und das war der Anfang unserer Zivilisation.

 

Wenn wir uns fragen, was Gott gegen dieses Unterfangen haben konnte, müssen wir im Buch der Bücher ein wenig weiterblättern. Wir werden sehen, dass der Kommentar zum babylonischen Turmbau die Geschichte von der Leiter ist, die auf Erden steht und in den Himmel reicht. Diese Leiter reichte aber nicht in den Himmel, damit unser Urvater Ja'akov sich einen Namen machen würde, sie war vielmehr seine Verbindung mit Gott. Wenn wir wieder zu nur einer Menschheit werden, würde sich in Anbetracht des Coronavirus die Frage erübrigen, ob die Idee, sich um des eigenen Namens willen einen Turm bis in den Himmel zu bauen, sich während all der Jahrtausende aus unseren Köpfen verflüchtigt hat.

 

Doch schon während der Krise melden sich Stimmen zu Wort, die vom Licht am Ende des Tunnels sprechen, und sie denken dabei an eine durch diese Erfahrung veränderte Welt, die nicht mehr dieselbe sein wird. Natürlich meinen sie damit nicht, dass wir auf unsere Bewegungsfreiheit verzichten sollen und die Grenzen zwischen den Staaten wieder luftdicht verschließen, sondern dass wir von nun an anders über uns selbst und die Welt nachdenken werden. Die Covid-Pandemie betrifft in der Tat nur uns, die Menschen in ihrer Gesamtheit, und wir müssen aus ihr lernen. Nicht nur, wie man ihrer Herr wird, sondern wie man vergleichbaren Katastrophen vorgreift und vor allem sie gar nicht erst verursacht. Dass die Welt, in der wir leben, eine ist, ist die erste und grundsätzlichste Lehre, aus der eine weitere folgen sollte, nämlich, dass es keinen Sinn hat, den Feind in einem Virus zu sehen; wir müssen ihn vielmehr in uns selbst sehen, denn wir haben es dem Virus ermöglicht, sich in einer Weise zu verbreiten, die uns selbst im Traum nicht gekommen wäre. Gott gab den Menschen die Herrschaft über alles, was er in seiner Welt erschaffen hat, doch wie wir diese Herrschaft üben, schadet uns selbst und dem Frühling, der da ist.

 

Aus dem Tschechischen von Kristina Kallert

 

Efraim K. Sidon, 1942 in Prag geboren, war nach dem Studium an der dortigen Film- und Fernsehakademie als Hörspielautor und Dramaturg tätig. Seit 1970 mit Publikationsverbot belegt, arbeitete er in manuellen Berufen. Als Unterzeichner der Charta 77 wurde er verfolgt und entschied sich 1983 ins Exil zu gehen. 1978 konvertierte er zum Judentum und absolvierte in Heidelberg ein Studium der Judaistik. Seit 1990 lebt er wieder in Prag. 1992–2014 war er Oberrabbiner von Prag, bis heute ist er tschechischer Landesoberrabbiner.

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