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16. April 2020

Petra-Maria Dallinger: „Schreiben Sie mir, so oft Sie können“

 

Schreiben Sie mir, so oft Sie können, angesichts meiner außergewöhnlichen Lage. Meine Laune kann jetzt nicht gut sein, und Ihre Briefe entreißen mich dem Interesse an der Cholera und versetzen mich für kurze Zeit in eine andere Welt“, schreibt Anton P. Čechov im Sommer 1892 während der Ausbreitung einer Cholera-Epidemie an seinen Verleger A. S. Suvorin.

 

Darf in Tagen eines kollektiven Ausnahmezustandes die Laune des Einzelnen gut sein? Wird vor dem Hintergrund einer unvermittelt veränderten Welt nicht auch das Persönliche problematisch, das individuelle Wohlsein zum Verrat am kollektiven Unwohlsein? Selbst wenn man fröhlich sein könnte, hat man das Gefühl, das gehöre sich nicht. Verpflichtende „soziale Distanzierung“ – ein doppeldeutiger Begriff für Hygiene-Empfehlungen –, geschlossene Kindergärten, Schulen und Universitäten, geschlossene Betriebe, Gaststätten, Museen, Parks. Ausgangsbeschränkungen. Die Verlagerung der Berufsarbeit ins private Umfeld. Schutzmasken. Überlegungen, soziale Kontakte über das Smartphone oder über digitale Schlüsselanhänger zu überwachen. Die Rückkehr in den gewohnten Alltag unabsehbar. Die Politik spricht von zukünftiger „neuer Normalität“.

 

Wo finden sich Schlupflöcher in die alte Normalität, wenn die Wirklichkeit sich mit einem Mal derart verdüstert? Bieten Lesen und Schreiben, die vielen in Literatur aufgehobenen Lebens- und Denkmodelle, Zuflucht oder Ausflucht? Lassen sich Fenster aufstoßen in Zeiten der Beengung? Womöglich, weil die Übung in guten Tagen meist gelingt? Es wird davon abhängen, wie viel Raum Verunsicherung, Angst und äußere Zwänge für sich beanspruchen. Möglicherweise erreichen uns Briefe leichter, vermögen es vielleicht, uns für eine Weile dem Gefühl des Gefangenseins entreißen, wie Čechov es andeutet. Angesichts von Bedrohung sucht man Nähe und Übereinstimmung eher als Ablenkung. Im Übrigen: Auch Nähe bedarf der Freiheit und der Freiwilligkeit, abgesehen davon, dass sie derzeit weitgehend verboten ist. Doppelt ersehnt also.

 

Während der Cholera-Epidemie 1892 stellte sich Anton Čechov – zum Sanitätsarzt ernannt im Kreis Serpuchov, in dem er das Landgut Melichovo erworben hatte – in den Dienst der Seuchenbekämpfung. Darüber, was diese Aufgabe von ihm forderte, gibt er in Briefen Auskunft: das Gefühl „nicht sich selbst zu gehören“. Wiederholt die Absage an die Literatur, die seine eigentliche Leidenschaft ist: „Natürlich ist an die Literatur gar nicht zu denken.“ Übrigens schreibt er doch, „zwei kleine Novellen […], eine leidliche und eine, die miserabel ist.“ Der titelgebende Krankensaal Nr. 6 der einen Erzählung ist bezeichnenderweise in jenem Trakt des Spitals angesiedelt, der die Psychiatrie beherbergt. Gefährdung des Lebens von dieser und von jener Seite. Der Körper lebt und leidet mit dem Geist ebenso wie umgekehrt.

 

Eine gute Generation davor wurden die ohnedies schon strapazierten Nerven eines anderen Dichters ebenfalls durch eine Cholera-Epidemie – jene von 1866 – in besonderer Weise gereizt. Adalbert Stifter, der Leib und Seele in der Einsamkeit des Bayerischen Waldes kurieren wollte, verfolgte die Entwicklungen nach Ausbruch der Epidemie aus der Distanz der selbst gewählten Klausur. Etwa durch das Studium von Zeitungsmeldungen, die bei ihrem Eintreffen naturgemäß schon wieder überholt waren. Der Briefkontakt mit einem Arzt sollte Sicherheit vermitteln, wo es im Grunde keine gibt. Gewissermaßen mit dem Fernrohr in der Hand wird Stifter Opfer der Epidemie.

 

Die Sorge um seine in der Linzer Wohnung zurück gebliebene Frau zelebriert er ausufernd, ja obsessiv in seiner Korrespondenz. An rasche Rückkehr denkt er nicht. Selbsterkenntnis lindert Gefühle der Panik nur temporär. „Ein liebendes Gemüth fürchtet immer, wo auch nichts zu fürchten ist, und ein hypochondrisches Gemüth besonders“. Immer wieder existenzielles Erschrecken, die jäh hereinbrechende Erkenntnis der Endlichkeit, die der anderen und die eigene. Seine Angst lässt sich nicht so einfach abarbeiten; wenn, dann am ehesten im Tun, vielleicht im Erzählen, sicher im Lachen. Bemerkenswert ist jedenfalls, dass der Schul- und Hofrat seine erkrankte Hauswirtschafterin, die der Cholera nicht unähnliche Symptome zeigt, beherzt pflegt: „Ich werde dir recht weitläufig erzählen, wie ich die Göschl Nani im Durchfalle bei mir gepflegt und geheilt habe. […] Die Geschichte ist traurig und lächerlich, und ich fürchte, du wirst, wenn wir einmal recht traulich beisammen sizen, und ich sie dir erzähle, statt zu schaudern in Einem fort lachen.

 

Dass man sich über das „Gespenst“ der Epidemie vielleicht doch hinweglesen kann, bleibt jedenfalls zu hoffen. Für eine Begegnung mit Stifter – wiederholt als Meister der Inszenierung von Langeweile apostrophiert – wird man vielleicht gerade in einem Zustand erzwungener Ruhe zum idealen Leser. Die Leseanstrengung wird belohnt mit Beschwichtigung der Furcht, durch ein Einschwingen auf einen anderen Rhythmus, einen deutlich verlangsamten. Anders bei Čechov: Seine lakonische Gelassenheit – „Kürze ist die Schwester des Talents“, heißt es bei ihm – vermag der Tragik jeder denkbaren Realität viel von ihrer Unerträglichkeit zu nehmen. Beides ermutigend.

 

Die sogenannte Langeweile als Möglichkeit zu sich zu kommen, Heiterkeit und leise Ironie als Widerstand gegen die Macht des Unverfügbaren – das sind nur zwei Möglichkeiten unter vielen. Eine, nicht bloß in der Politik neuerdings häufig gehörte Behauptung – etwas sei „alternativlos“ – findet sich weder beim einen noch beim anderen Dichter. Im Leben wie in der Kunst geht es immer auch um Alternativen, nicht um Widerspruch und Widerrede erstickende, sich selbst versiegelnde Autorität. Auch ein Versprechen von Sicherheit gibt es nicht, Leerstellen und Widersprüche müssen ausgehalten werden, als Teil der Erzählung wie als Teil des Lebens.

 

Die Straßen sind stiller, die Vögel lauter geworden, oder hört man sie nur besser? Die Bäume blühen. Eigentlich ist vieles wie sonst, auch wenn alles anders ist. Bald soll eine teilweise Rückkehr in den Arbeitsalltag möglich sein. Was das heißt, wird sich zeigen. Ob sich am Lesen und Schreiben etwas ändert, sich etwas geändert haben wird? An unserer Wahrnehmung der Natur, an unserem Empfinden für Nähe und Distanz? Die Literatur wird auch darüber berichten.

 

Der Himmel zeigt sich dieser Tage ungewöhnlich freundlich, geradezu strahlend. Ob er es aus Gleichgültigkeit tut, oder ob er uns damit doch einfach Freude macht? Wir wollen Letzteres dankbar annehmen.

 

Lektüreempfehlung:

Anton Čechov: Briefe. Hrsg. von Peter Urban. Zürich: Diogenes Verlag 1998

Adalbert Stifter: Briefe. Hrsg. von Gustav Wilhelm. Nachdruck Hildesheim: Gerstenberg 1972


Dr. Petra-Maria Dallinger, geboren 1964 in Linz, hat Germanistik und Kunstgeschichte in Wien studiert. Seit Herbst 2004 ist sie Leiterin des StifterHauses/Adalbert-Stifter-Institut des Landes Oberösterreich, außerdem lehrt sie an der Universität Wien und an der Kunstuniversität Linz. Sie ist Herausgeberin u.  a. des Jahrbuchs des Adalbert-Stifter-Institutes und der Rampe – Hefte für Literatur sowie Mitglied des Kuratoriums des Adalbert Stifter Vereins.

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