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Johannes John: Über das Selbstverständliche

 

Ab dem 23. März wechselte man vom Bürobildschirm im 3. Stock der Münchner Residenz an den heimischen PC in Sendling: Auch dort lassen sich die Briefe transkribieren, die Adalbert Stifter im Spätherbst und Winter 1865 aus Kirchschlag an seine Gattin Amalia hinunter nach Linz schrieb und schicken ließ. Neben einleitenden, eingeschobenen oder abschließenden Versicherungen innigster Liebe, mit denen sich Stifter ebenso wortreich wie repetitiv in das Wunschbild einer idealen Ehe hineinschrieb – so der Common Sense der Forschung –, neben meteorologischen Notaten zu Wetter und der damit verbundenen Nah- und Fernsicht (wobei der zäh über Linz liegende Nebel ebenso bedauernd wie wohl auch klandestin erleichtert registriert wird, erinnert er zugleich doch an ein „prachtvoll schimmerndes silbernes Meer“), enthalten die in der Regel mehrseitigen Briefe vor allem zahlreiche Bitten und Aufträge.

 

Diese betreffen Kleiderfragen – „Ich bitte dich, kaufe dir einen Winterhut, der dein Herz erfreut, so ferne du ihn nur immer in Linz bekommen kannst“ – und -wünsche: „Sei so gut, u kaufe mir ein Paar sogenannter Fäustlinge, d. i. Handschuhe ohne Finger blos mit dem Daumen. Sie müssen Pelz sein, wenn es Fuchs wäre, wäre es prächtig.“ Nebst Ratschlägen wie diesen: „Trage in der kalten Zeit die Karlsbaderjuchtenstiefelchen; denn kalte Füsse sind die Quelle vieler Übel.“

 

Vor allem aber kreisen die Wünsche – wenig überraschend – immer wieder ums Essen und Trinken, woraus sich ebenfalls ein eigenes Florilegium basteln ließe: „Wenn ihr einen guten Nirnbraten habt, sende mir ein gebratenes Stükchen. Später einmal ein Repphuhn oder Krametsvögel, oder schike ein ungebratenes Repphuhn, auch einmal ein Stük Hasenrüken.“ Den sich Stifter im übrigen „zum Thee“ schmecken ließ. Oder: „Der Strizel wäre äußerst dringend, ich habe nur ein kleines Stükchen mehr. Nicht wahr, ich verzehre hier viel?“ Auch „zwei Pfunde Zwiebak in Rädern wären sehr willkommen.“ Die Dringlichkeit wird zuweilen ebenso geschickt wie unüberlesbar im Beiläufigen versteckt: „Ich habe jezt freilich zu meiner Jause bis Weihnachten lauter Rehrüken; aber immer Rehrüken ist ja auch betrübt.“ Im Gegenzug schickt Stifter Erdäpfel, Sandtorte, ein selbstgepflücktes „Schächtelchen Früchte unseres rauhen Klimas“ – Erdbeeren und Himbeeren – sowie das gesundheitsfördernde Wasser ins Haus an der Donau: letzteres in Flaschen, die er – nunmehr mit Wein gefüllt – nach Kirchschlag zu retournieren bittet.

 

Und dann irgendwann dieser Satz, der mich mit einem Schlag aus dem mikrophilologischen Tun herauskatapultierte, innehalten ließ und jene Wochen des Jahres 1865 mit dem Hier und Jetzt im Lockdown des Frühjahrs 2020 kurzschloss. „Freund Schaller“ hatte sich zu Besuch angesagt, was Stifter so kommentiert:

 

„Ich freue mich sehr auf ihn, erstens, weil er ein so treuer Freund ist, u zweitens, weil er von Linz kömmt, alles von Linz ist mir jezt wie ein Engelsbote.“

 

Urplötzlich gewittert es im Kopf und all die Bilder der über die Jahre gemeinsamer Arbeit (und nicht nur Arbeit) vertraut und lieb gewordenen Orte sind „da“, greifbar und flüchtig wie jede Erinnerung: Innsbruck, wo in diesen Monaten in Zusammenarbeit mit den beiden Kollegen der erste Briefband zur Satzreife gedeiht, Salzburg, wo nicht nur die Edition der Mappe meines Urgroßvaters inzwischen abgeschlossen werden konnte, sondern auch die Eltern begraben liegen. Wien, wo sich am 24. Mai 2011 in einem Ordner auf dem Speicher des Bodendenkmalamts in der Hofburg tatsächlich ein Brief von Stifter fand und wo mir am 14. Oktober 2016 Petra-Maria Dallinger im Hof von Schuberts Geburtshaus die frohe Kunde vom gerade gekürten Literaturnobelpreisträger überbrachte; und immer wieder Linz, wohin allein im letzten Jahrzehnt 22 Dienstreisen führten, die stets mehr waren als Dienstreisen: die Arbeitskonferenzen unserer Edition im StifterHaus, die jährlichen Institutssitzungen im November, die Vorträge, die ich dort auf Tagungen hören oder selbst halten durfte. Und nicht zuletzt auch der Bauernhof im oberösterreichischen Sauwald, jede Pfingsten für eine Woche Flucht- und Erholungspunkt seit mehr als einem Vierteljahrhundert … Nunmehr verschlossen, abgeschnitten, unzugänglich, und der Grenzübertritt, so hat man’s ermittelt, wäre keine Ordnungswidrigkeit, sondern eine Straftat.

 

Natürlich, es gibt die Mail, sogar die handschriftliche Post, es gibt Telefon und – man lernt rasch und gezwungenermaßen dazu – die Videokonferenz, etwa nach und mit Innsbruck. Und doch ist es nicht das Eigentliche, sondern vielmehr das defizitär Außer-Ordentliche, weshalb nun, was immer seither von dort über die verriegelte Grenze nach München gelangte, auch „mir jetzt wie ein Engelsbote“ zu werden begann. Was sich wiederum mit der wenige Zeilen zuvor zu Papier gebrachten Aufforderung an Amalia aus jenem Brief vom 12. Dezember 1865 verknüpfte:

 

„Seze dich also am Sonntage hin, u schreibe mir so viel Tratsch, als du nur immer willst.“

 

Nur dass ich diese Bitte an die Kolleginnen und Kollegen jenseits der Grenze, die ich nie – auch nicht im Spätsommer 2015 – als eine solche empfunden habe, wohl mit einem Ausrufezeichen beschlossen hätte!

 

Es ist Juni geworden, bald Juli. Die Grenze blieb auch an Pfingsten noch geschlossen, der Bauernhof in Voglgrub diesmal unbesucht, was schmerzte. Irgendwann wird mich der Railjet auch wieder nach Linz bringen, mit all den vertrauten Gewohnheiten und Ritualen: der Blick aus dem Fenster auf den Simssee, die Veste über der Salzach, der Wallersee; angekommen dann zu Fuß vom Bahnhof zum Hauptplatz, zwischen der nachmittäglichen Sitzung und dem Abendprogramm vielleicht noch ein Lauf von der Nibelungenbrücke an der Donau entlang, bis es am Hafen nicht mehr weitergeht. Am Abend dann die gemeinsame Zeit in der „Alten Welt“. Schließlich für den heimischen Wunschzettel die Einkäufe jener süßen Köstlichkeiten, die es nur hier gibt. Und dennoch: „The same procedure as every year?“

 

Ob „nach Corona“ nichts mehr wird wie vorher oder alles wie gehabt seinen Gang gehen wird? Müßig, dies jetzt zu diskutieren: es wird sich weisen. Dieser Gang ist für unsereins allenfalls beeinflussbar, wenn aus Erfahrung Erkenntnis wird. So etwa, dass es vermutlich ein Irrtum ist, das Selbstverständliche für selbstverständlich zu halten.

  

Johannes John, geboren 1957 in Rastatt, studierte Germanistik, Philosophie und Theaterwissenschaft in München. Promotion 1987 („Aphoristik und Romankunst. Eine Studie zu Goethes Romanwerk“). Seit 1997 in der "Kommission für Neuere deutsche Literatur" der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München Redaktor und Bandherausgeber der "Historisch-Kritischen Ausgabe der Werke und Briefe Adalbert Stifters". Lehrbeauftragter am Institut für deutsche Philologie der Universität München (1987-2017) und der Katholischen Universität Eichstätt. Er ist Mitglied des Adalbert-Stifter-Instituts in Linz, des Vorstands der Goethe-Gesellschaft München und Kuratoriumsmitglied im Adalbert Stifter Verein. 

 

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Daniela Strigl: Wüste gesucht – vom Zauber des Realen

 

Dieser Tage soll ich an der Allameh Tabataba’i Universität (ATU) in Teheran Vorlesungen über österreichische Literatur halten, von Marlen Haushofer bis Elfriede Jelinek. Natürlich nicht wirklich, ich fliege nicht in den Iran, wo die Universitäten nach wie vor geschlossen sind, ich bleibe hübsch brav zu Hause und lese virtuell. Nun hat sich eine Frage aufgetan, die mir das Problem der Unterscheidung von real und virtuell sehr konkret vor Augen führt: Meine Gastgeberin hat mich gebeten, mich der Kopftuchpflicht zu unterwerfen, die, da die ATU eine staatliche Universität sei, auch für ausländische Gäste gelte.

 

Ohne die persische Kollegin in Schwierigkeiten bringen zu wollen, erkenne ich eine gewisse logische Unschärfe: Auf iranischem Boden gilt im öffentlichen Raum Kopftuchpflicht für alle Frauen, gut – oder auch nicht. Aber ich bin nicht in der Islamischen Republik Iran, ich bin in Österreich, in Wien, genauer: ich befinde mich in meinen eigenen vier Wänden. Die diplomatischen Damen des Österreichischen Kulturforums empfehlen Konzilianz. Ich vermute ja, dass die Sprengkraft der Jelinek’schen Literatur allemal größer ist als die, die vom uneingeschränkten Anblick meiner Haare ausgehen könnte.

 

Es scheint, als hätten wir uns in den vergangenen Monaten daran gewöhnt, virtuelle und physische Präsenz gleichzusetzen, da wir nun einmal aus der Not des Kontaktverbots eine Tugend machen mussten. Und weil wir uns daran gewöhnt haben und es ja auch bequemer ist, vom Fauteuil zum Schreibtisch zu wechseln als durch die halbe Stadt zu fahren, halten wir an der Besprechung oder am Seminar per Videokonferenz fest, obwohl die Vorschriften uns diesbezüglich nichts mehr vorschreiben. Viele Universitäten planen bereits, die Präsenzlehre künftig auch ohne Seuchendruck zu einem Gutteil durch „Home Teaching“ zu ersetzen. Auf diese Weise spart man Raumbedarf und damit Kosten ein, man leistet der Kommerzialisierung des Bildungswesens Vorschub (einem Modulsystem, das per Fernstudium konsumierbar ist) und, das unterstelle ich jetzt, schränkt zugleich die Zahl der Gelegenheiten ein, bei denen die User miteinander spontan kommunizieren und womöglich auch konspirieren könnten. Nicht wenige Universitätslehrer haben dieses außerordentliche Semester online im Ausland oder im Wochenendhaus verbracht und hatten wenig Interesse an einer raschen Rückkehr zum Normalbetrieb. Aber immerhin haben bereits über fünftausend einen Offenen Brief „Zur Verteidigung der Präsenzlehre“ unterschrieben. Nach ihrem Verständnis sollte die Universität als Ort der persönlichen Begegnung und der kritischen Auseinandersetzung erhalten bleiben.

 

Außerdem gibt es auf dem Weg vom realen zum digitalen Sprechen, Lehren und Prüfen sehr wohl Verluste zu beklagen. In meinem Seminar war die Bereitschaft zum Mitreden und Diskutieren zunächst viel schwächer ausgeprägt als im Hörsaal. Das mag mit der Technik zu tun haben, die Einwürfe erschwert. Auch mit dem schwierigen Überblick über eine Galerie von Porträts. Außerdem artikuliert sich das jeweilige Gegenüber nur in seiner Mimik, nicht in seiner Ganzkörper-Sprache. Auch Studentinnen und Studenten fühlen sich unbehaglich im Online-Diskurs, sie vermissen Anregungen durch das informelle Gespräch, im Zweifel wünschen sie sich die alte Normalität mündlicher (Abschluss-)Prüfungen.

 

Die allgemeine Propagierung des Sicherheitsabstands hat dem Bedürfnis nach Präsenz keinen Abbruch getan. Marlene Streeruwitz, die mit einem Online-Roman in Fortsetzungen auf das Stationendrama des „Lockdown“ reagiert, erzählt von der digitalen Praxis des „Weintrinkens aus der Ferne“: Menschen kochen sich etwas Feines und verabreden sich mit einem Glas Wein vor dem Bildschirm – um Speis und Trank gemeinsam zu genießen. Ich frage mich, warum das für mich eine zutiefst trübselige Vorstellung ist. Vielleicht, weil wir für das Erlebnis von Begegnung die Aura der körperlichen Gegenwart brauchen, auch wenn wir uns in einer physischen Tafelrunde nicht viel anders verhalten würden. Allein die Möglichkeit der Berührung verleiht dem Treffen eine andere Qualität.

 

Inmitten einer Krise oder gar Katastrophe steigt die Sehnsucht nach dem Authentischen. Einerseits weil kollektive wie individuelle Angst ein Produkt von Spekulationen und Unwägbarkeiten ist. Andrerseits wohl auch, weil die Lage, mit der sich alle konfrontiert sehen, die Macht des Faktischen darstellt, etwas, zu dessen Imaginierung man in normalen Zeiten visionäre Kräfte gebraucht hätte. In Marlen Haushofers Roman Die Wand (1963) resümiert die Erzählerin den menschlichen Mangel an Phantasie: „Hätte sich die Katastrophe in Belutschistan abgespielt, säßen wir völlig ungerührt in den Kaffeehäusern und läsen darüber in der Zeitung. Heute sind wir Belutschistan, ein sehr entferntes fremdes Land, von dem man kaum weiß, wo es liegt“. Nicht zufällig ist auch in Albert Camus’ Roman Die Pest (1947) des Öfteren von der Phantasie die Rede, die es benötige, um die Seuche wirkungsvoll zu bekämpfen. Und auch das Motto des Buches, das von Daniel Defoe stammt, fordert die Bereitschaft des Lesers zur kreativen Übersetzungsleistung ein: „Es ist ebenso vernünftig, eine Art Gefangenschaft durch eine andere darzustellen, wie irgendetwas, was wirklich existiert, durch etwas, was nicht existiert.“

 

Um Wirklichkeit wahrzunehmen bedarf es also eines Sinnes für das Mögliche. Karl Kraus war gleich für die Umkehrung des Verfahrens: „Passende Wüste für Fata Morgana gesucht.“ 

 

Daniela Strigl, geboren 1964 in Wien, studierte Germanistik in Wien, promovierte über Theodor Kramer und habilitierte sich mit einer Biographie Marie von Ebner-Eschenbachs (Berühmt sein ist nichts, 2016). Sie publiziert Essays und Kritiken in überregionalen Medien (Der Standard, FAZ, Die Zeit, Literatur und Kritik u.a.), war Mitglied der Jury des Ingeborg Bachmann Preises und erhielt mehrere Literaturpreise, darunter 2001 den Österreichischen Staatspreis für Literaturkritik und zuletzt 2019 den Merck-Preis für literarische Kritik und Essay. Seit 2007 lehrt sie an der Universität Wien Neuere deutsche Literatur.

 

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Jurko Prochasko: Die unbeständigen Denkmäler

 

Diese Glosse sollte ursprünglich mit der Einschränkung „in unserem Teil Europas“ versehen sein, aber während des Schreibens kamen die Ereignisse in anderen Teilen Europas und der Welt, und nun stellt sich die Frage, ob sich das, was ich meinte, nun wirklich nur auf unsere Breitengrade bezieht. Die Denkmal-Debatte in der Tschechischen Republik, die zu einem Debakel der Diplomatie ausgeartet ist, die Republikaner-Denkmäler in den protestierenden USA, die Frage, ob nicht auch der früher vielfach gefeierte Winston Churchill ein Rassist war …

 

Die Glosse sollte ursprünglich wie folgt ansetzen:

„Gestern Nacht habe ich geträumt, das Mickiewicz-Denkmal in meiner Heimatstadt soll ersetzt werden. Der schön gegossene, menschlich wohltemperierte polnische Romantiker soll einer noch unbekannten Figur, wohl einem Zeitgenossen aus der Gegenwart, weichen, doch wer das sein mag ist noch vollkommen offen, vielleicht sogar völlig egal. Dabei war die gesamte Aktion in meinem Traum mitnichten gegen den „Propheten“ gerichtet, auf gar keinen Fall, der hat nun wirklich niemandem was angetan, gegen ihn bestand kein Gram, keine Wut, keine Schuld wurde ihm spät und nachträglich angelastet, nichts wurde in den Annalen entdeckt, was ihn für unsere Gegenwart hätte disqualifizieren können. Es ging vielmehr darum, dass es ein sehr schöner Platz ist, den er einnimmt, und auf diesen Platz hatte man es eben abgesehen. Soweit der Traum.

 

Es ist tatsächlich ein sehr schöner Ort, der Mickiewicz-Platz im alten Stanislau, dem heutigen Iwano-Frankiwsk. Er gehört zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen. Kein Wunder, denn für eine ruhige Stunde mit dem schlafenden Kind im Kinderwagen ist dieser in der City gelegene, kleine, aber sehr mondäne, sehr gediegene Platz vor dem alten Stadttheater, der heutigen Philharmonie, mit seinen vielen gemütlichen und schattigen Bänken und seinem ergreifend altertümlich gehaltenen, tadellos gepflegten Blumenbeet mit atemberaubenden, virtuosen und doch schlichten Farbmustern, wie geschaffen. Säuglinge schlafen in ihren Kinderwagen, etwas größere Kinder spielen, Eltern chatten und surfen, Alte sitzen und lesen, ältere Herrschaften spielen Schach, die Tauben machen es sich gemütlich, beinahe bewegungslos, auf dem holden, inspirierten, kraushaarigen Haupt und den nicht allzu breiten Schultern des Poeten. Über allem und in allen die unnachahmlich laue Sommerträgheit, die eine Ahnung von Ewigkeit, oder vielmehr Zeitlosigkeit, aufkommen lässt.

 

Viel später, als Erwachsener schon, erfuhr ich, dass es tatsächlich eine Zeit gab, als Mickiewicz für mehrere Jahre von seinem Sockel verschwand. Die polnische Gemeinde hatte während der NS-Besatzung Stanislaus, wohlwissend um den Hass und die Zerstörungswut, die die Nazis der polnischen Kultur in allen ihrer Erscheinungsformen entgegenbrachten, das Denkmal heimlich demontiert und versteckt, und erst nach dem Rückzug der Deutschen wieder ausgegraben und aufgestellt.

 

Was mich an dieser Geschichte verblüffte, war nicht dieser Vorfall mit dem Verstecken und Wiederinstallieren an sich. Es waren vielmehr die Ungereimtheiten in dieser Geschichte, die bei mir Verwirrung auslösten. Denn erstens gab es in Lemberg, wo ich inzwischen wohne, ein viel größeres, unvergleichlich imposanteres Mickiewicz-Denkmal, das während der Besatzungszeit nicht versteckt wurde und dennoch unversehrt stehen blieb: Dort hatten die Nazis zwar bereits in den ersten Tagen ihrer Präsenz mehrere Dutzend polnische Wissenschaftler und Forscher samt ihren Familienmitgliedern exekutiert, am Denkmal jedoch zeigten sie sich völlig desinteressiert. Das andere, vollkommen Unverständliche, bestand darin, dass auch die Sowjets nach dem Kriegsende, als sie sich an die Zwangsdeportationen der polnischen Bevölkerung aus Ostgalizien und Westwolhynien machten, die beiden Mickiewiczs, den Stanislauer, und den Lemberger, weder mitgehen ließen, noch entfernten, so dass die beiden bis heute da stehen, mitten in diesen beiden ukrainisch gewordenen Städten, wo sie auch vor dem Krieg standen. Kornel Ujejski, König Jan III. Sobieski und der große Komödienautor Graf Alexander Fredro wanderten in die neu geschaffene Volksrepublik Polen und stehen – oder im Falle Fredros eher: sitzen – jetzt in Szczecin, Gdańsk oder Wrocław, die Mickiewiczs aber blieben.

 

Die Frage war nicht: Warum hatten die Sowjets den Mickiewiczs nichts angetan? Sondern: Wieso haben sie sie überhaupt behalten und nicht gehen lassen wollen? Wozu brauchte man in den weitestgehend entpolonisierten Städte noch polnische Nationaldichter? Meine Vermutung ist: es war wegen der verordneten Völkerfreundschaft, die nun zwischen der UdSSR und ihren mitteleuropäischen Satellitenstaaten zu blühen hatte. Das war ganz geschickt, denn sie mussten dazu keine Kosten aufbringen, da diese Denkmäler ja schon viel früher entstanden waren. Die ganze Kunst bestand jetzt nur noch darin, sie nicht kaputtzumachen und einfach stehen zu lassen. Es ging also um eine rasche, aber konsequente „Umkontextualisierung“ des bereits Vorhandenen, und eine neue Sinngebung. (Das wunderschöne marmorne Postament des armen Ujejski habe ich Jahre später auf dem Gelände der Hochschule für Tiermedizin identifiziert, ganz verwaist und verloren).

 

Am deutlichsten zeigt diesen Wandel die jetzige Hauptstraße von Lemberg, der Freiheitsprospekt. Nachdem Jan III. Sobieski dort verschwunden war, während der gute Mickiewicz blieb, entstanden und verschwanden dann im Laufe der darauffolgenden Dezennien mehrere Monumente: das für die Stalinsche Konstitution, der große Granitkubus mit den in Frakturschrift gemeißelten Lettern: Adolf-Hitler-Ring, das Lenin-Denkmal vor der Oper, das 1990 im Zuge der Demontage in seinem Sockel viele Mazewas aus dem von den Nazis zerstörten und von den Sowjets dann restlos niedergerissenen Alten Jüdischen Friedhof von Lemberg offenbarte. Dafür kamen nach 1991 neue Denkmäler in das ukrainische Lemberg, welche die gesamte während der Jahrhunderte unterdrückte Sehnsucht nach eigener Semiosis verraten, allen voran das kolossale Taras-Schewtschenko-Denkmal. Dann kam der russische Überfall und damit die Einsicht der Notwendigkeit der Dekommunisierung. Hunderte Denkmäler aus der Sowjetzeit wurden entfernt, Tausende Orte umbenannt. In den russisch besetzten Teilen der Ukraine geschieht inzwischen das Gegenteil: dort werden Orte wieder sowjetisch zurück benannt und neue russisch-imperiale Monumente enthüllt. Diese Enthüllung ist in Wirklichkeit eine Entblößung.

 

Wenn man etwas lernen kann aus Lemberg, aus der Ukraine, aus Osteuropa, dann ist es dies: kein Denkmal, sei es auch noch so schwer, wuchtig oder gigantisch, kann sich in diesem Teil der Welt seiner dauerhaften Existenz sicher sein. Wir bleiben nach wie vor Gesellschaften mit völlig offenen, allen Winden ausgesetzte Vergangenheiten.“ Selbstzitat Ende.

 

Zusatz heute: alle sind wir heutzutage Gesellschaften mit unentschiedenen Vergangenheiten.

 

Juri Bohdanowytsch Prochasko, 1970 in Iwano-Frankiwsk geboren, ist Germanist, Schriftsteller, Übersetzer und Psychoanalytiker. Er ist am Psychoanalytischen Institut der Universität Lemberg sowie am Iwan-Franko-Institut für Literaturforschung der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften tätig, wo er u. a. zu den Literaturen in Galizien arbeitet. Forschungsaufenthalte führten ihn wiederholt nach Deutschland, u. a. in das Künstlerhaus Villa Waldberta bei München und ins Wissenschaftskolleg zu Berlin. Er war Referent bei den „Karlsbader Literaturtagen 2018“ des Adalbert Stifter Vereins.

 

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Dagmar Leupold: Spuren

 

Vor vierzehn Jahren ereignete sich das sogenannte Sommermärchen, ganz Deutschland fieberte. Und es hinterließ Spuren: Abertausende von Fähnchen in den deutschen Nationalfarben flaggten traurig auf den Grünstreifen der Autobahnen, säumten die Einkaufswege der Fußgängerzonen, dümpelten auf von Picknicks gemarterten Wiesen und von Public Viewing heimgesuchten Plätzen. Nass geregnet oder sonnenverbrannt, nicht länger stolze Siegersignale, sondern mickrige Wimpelchen. In diesem Frühjahr ging das Fiebern wieder los, diesmal von keiner Märchenerzählung verklärt, und der Champion stand von Beginn an fest: das Covid-19-Virus. Auch es hinterlässt sichtbare Spuren auf Straßen, entlang der Spazierwege und rund um die Bänke, die wir, lange Zeit maximal zu zweit, für die einzigen uns erlaubten öffentlichen Auftritte nutzten: Überall liegen sie herum, die Masken, mal klinisch weiß, mal bayrisch-blau, mal psychedelisch bunt. Man umkurvt sie mit ähnlicher Abscheu wie die Hinterlassenschaften von Hunden. Eine Nation von Bankräubern geht einkaufen und fährt, behandschuht und mit warnendem Blick – noli me tangere –, in den öffentlichen Verkehrsmitteln, die, so die Angst, mehr dem erleichterten Virusverkehr dienen als dem Transport zum Arbeitsplatz.

 

Das schlägt aufs Gemüt, ebenso wie die überschießenden Reaktionen präpotenter Autokraten, die Corona instrumentalisieren, um ihre Machtansprüche jenseits demokratischer Kontrolle zu verstetigen. Ansteckungsgefahr immens. Und der Mundschutz hülfe, selbst wenn sie ihn tragen würden, nichts bei Demagogen, Wortverdrehern und Lautsprechern; wir dagegen stehen vermummt und verstummt in einer aufs dürftigste Maß geschrumpften Öffentlichkeit, den Zollstock im Anschlag. Es fehlt nicht an Radiodiskussionen, Talkshows und politischen Magazinen, in denen das immer gleiche Dutzend an Experten zu Wort kommt und sich wechselseitig in dasselbe fällt. Nichtsdestotrotz bleibt die Rede vom „neuartigen Virus“ unverändert, wie die von der Chance, die in jeder Krise liegt, auch und wie der beinahe wöchentlich abgelieferte Dank an die schlecht Bezahlten und Ausgebeuteten. Wenn etwas in den letzten drei Monaten in voller Blüte steht (und auch die Nachtfröste im Mai konnten daran nichts ändern), dann ist es die Rhetorik: Überall werden Hohelieder angestimmt, sprachlich elaboriert, auf die Helden des Alltags, auf die tapferen Kinder und Mütter, auf die systemrelevanten Helferinnen und Helfer etc. Echtes Lob aber wird sparsam ausgeteilt und nicht mit dem Rasensprenger. Und es muss sich kritisch mit den Mängeln des Status quo befassen, denn seine – des Lobes – Substanz bemisst sich an den Veränderungen, auf die es dringt. Hier kommen Kunst und Kultur als Korrektive (und sträflich Vernachlässigte) ins Spiel, als Plattform einer gesellschaftlichen Selbstverständigung, als kritischer Kommentar jenseits eingeübter Diskurse und konfektionierter Demarkationslinien und als Wahrnehmungskorrektiv eines eingeschliffenen und allzu oft ego-zentrischen Blicks auf gesellschaftliche Wirklichkeit.

 

Vernünftige und beherzte Stimmen tun da gut und not. Wie dieser Tage diejenige Helmut Lachenmanns, der im Interview mit der Süddeutschen Zeitung, zur Rolle der Kunst in der Demokratie gefragt, folgendes antwortet:

 

„Wenn Demokratie dem Menschen den Rahmen gewährleisten soll, das Beste in sich menschenwürdig zu verwirklichen, dann sollten ihre gewählten Repräsentanten auch in krisenbelasteten Zeiten den Stellenwert der Kunst und die Unverzichtbarkeit der Einrichtungen und derer erkennen, die der Vermittlung dieser Erfahrung dienen.“

 

Es gibt und gab sie, diese Vermittler, und damit sie Spuren sichern können, müssen sie die von Lachenmann eingeforderte Wertschätzung erfahren. Auch Stifter war – und ist – ein solcher Vermittler. Es lohnt sich, ein schönes, im Nachsommer geprägtes Wort ins Gedächtnis zu rufen: Der Mensch, heißt es da, ist in der Geschichte der Erde lediglich ein Einschiebsel.

 

Ein Aufruf zur Bescheidenheit? Gar zum resignierten Nichtstun? Keineswegs. Vielmehr eine schöne Aufforderung, die Einschiebsel-Zeit achtsam, verantwortlich und phantasievoll zu nutzen. Und auf diese Weise wegsame Spuren zu hinterlassen. Den Rest – die Entfernung der welken Masken – besorgt die zurecht hochgelobte Müllabfuhr.

 

Dagmar Leupold, geboren 1955 in Niederlahnstein, studierte Germanistik, Philosophie, Altphilologie und Komparatistik in Marburg, Tübingen und New York, wo sie 1993 promovierte. Sie leitet das Studio Literatur und Theater der Universität Tübingen und lebt als freie Schriftstellerin in München. Zuletzt erschienen im Salzburger Verlag Jung und Jung der „Abenteuerroman“ Die Witwen (2016) und der Roman Lavinia (2019).

 

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Ivan Binar: Feuilleton für Ferdinand Malcher

 

Mitten im Feld auf dem Rain, zu dem sich die genossenschaftlichen Pflugscharen nicht durchgepflügt haben, steht ein zierliches Säulchen aus Beton, oben ein schmuckes Oval, und da hineingeritzt in deutscher Frakturschrift der Name Ferdinand Malcher, unter dem Namen ein Kreuz und das Datum: 30.7.1936. Blitzschlag, Herzversagen, ein scheuendes Pferd … gibt es sonst eine Möglichkeit, mitten im Sommer zwischen den Feldern von dieser Welt zu gehen? – Wir werden kaum erfahren, wer Ferdinand Malcher war. Wahrscheinlich ein Bauer, sicher ein Deutscher, schließlich sind wir hier im Sudetengebiet, und von den ursprünglichen Einwohnern ist im ganzen Dorf keine einzige Seele geblieben. Gehen mussten sie alle; wer welchen Anteil hatte an dem schrecklichen Krieg, danach hat niemand gefragt. Sie waren Deutsche, und sie sprachen deutsch, das hat genügt. Wäre Ferdinand Malcher nach dem Krieg am Leben gewesen, hätte auch er in die Fremde gehen müssen. In die verwaisten Häuser und Höfe zogen Tschechen aus Böhmen, aus Mähren und dem ukrainischen Wolhynien, auch Slowaken und Roma, und in den letzten Jahren haben selbst Landsleute aus Kasachstan hier eine neue Bleibe gefunden.

 

Ganz in der Nähe die Ruine eines Hofes. Bis vor Kurzem haben da zwei Brüder gewohnt. Im Suff haben sie mit der Zigarette auch das Dach überm Kopf in Brand gesteckt und nichts als ihr nacktes Leben gerettet, haben den Ort der Verwüstung verlassen und sind weitergezogen. Geblieben sind rauchschwarze Mauern und ungeerntete Äpfel. Von den Zweigen des Apfelbaums hat eine üppige Mistel Besitz ergriffen. Ein Kuss unter der Mistel am Heiligabend bringt Glück. – Auf dem Hügel gegenüber sind von der Mühle nur wenige Steine übrig, das Windige und ein Spatzenschwarm. Am Fluss unten schmiegt sich der Friedhof um eine kleine Kirche. Meist tragen die Toten tschechische Namen, deutsche Namen sind rar geworden.

 

Nach dem Wendenovember, als mit der Freiheit auch Unsicherheit hergeweht kam, haben die Einheimischen einen Busausflug nach Österreich organisiert. Man hatte ja so lange Zeit keinen Fuß irgendwo hinsetzen können! Wieder zurück, prahlten sie in der Wirtschaft, wer was in den Wiener Geschäften gestohlen hatte. Vielleicht haben sie sich das alles auch ausgedacht, Diebe schließlich sind sie ja nicht, sie waren es nur gewohnt, sich an Genossenschaftlichem gütlich zu tun und damit gewissermaßen an Eigenem, und das ist kein Diebstahl …

 

Die Landschaft hier ist sanft gewellt, von melancholischer Schönheit. Felder und Wälder im Wechsel, dazwischen Gehölz, eifrig wühlende Wildschweine, feengleich tummeln sich Rehe, und die Jägerstände werden mehr. Jäger zu sein gehört zum guten Ton, einen eigenen Ansitz zu haben, auf Tiere zu schießen. Früher war die Jagd auf Hochwild den Mitgliedern der Kommunistischen Partei vorbehalten; heute kann jeder, der es sich einbildet, mit der Kugelbüchse ballern.

 

Nicht weit von Ferdinand Malchers Gedenkstein haben wir uns nach dem Wendenovember ein Grundstück gekauft und ein Haus darauf gebaut, denn hier ist es schön und die Familie hat nun einen Ort, wo sie sich treffen kann. An glücklichen Tagen finden sich alle meine Enkelkinder hier ein – aus Prag und aus München. Ja, aus ebenjenem München, wo die Verbündeten uns vor dem Krieg verraten haben und von wo aus uns nach dem Krieg der amerikanische Sender Freies Europa in tschechischer Sprache Demokratie gelehrt hat. Das alles fasst ein einziger Ort, das alles passt in nur ein Jahrhundert! – Marie, Maximilian und Stella sind Tschechen, Kuba und Toníček Deutsche; nur interessiert sie das nicht, es ist, als ob sie es gar nicht wüssten; sie schustern beide Sprachen zusammen, und es stört sie kein bisschen. Zu Weihnachten werden sie wieder da sein, werden sich unter der Mistel, die sich aus der Krone von Ferdinand Malchers vertrocknendem Apfelbaum schält, auf tschechisch und deutsch verstehen. Mit diesen Kindern kommt eine Flut von Glück. Sie, so wollen wir glauben, werden keinen neuen Krieg mehr erleben und auch nicht, dass irgendwer aus seiner Heimat vertrieben wird.

 

Ivan Binar, geboren 1942 in Boskovice/Boskowitz, war Lehrer und Redakteur. 1977 emigrierte er erst nach Wien, 1983 nach München, wo er als Redakteur bei Radio Free Europe arbeitete. 1994 kehrte er schließlich nach Prag zurück, wo er heute wohnt. Auf Deutsch erschienen der Roman Rekonstruktion (1985) und Die Kunstkitterei (1997), 1992, 2000 und 2002 gab er mit Peter Becher den Deutsch-tschechischen Almanach heraus.

 

Übersetzt von Kristina Kallert

 

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Peter Becher: Requiem für einen fremden Wanderer
(am 77. Tag der Quarantäne)

In memoriam Dušan Vančura (1937–2020)

 

Seit die Delfine nicht nur in den Kanälen von Venedig gesichtet werden, sondern auch unter den Moldaubrücken von Prag, öffnen sich täglich neue Türen in den kaltglatten Wänden der Quarantäne. Hinter ihnen lauschen und ducken sich die Erinnerungen vieler Jahre, die darauf warten, befreit und wiederbelebt zu werden. Die Erinnerung an den Sommer 1990 zum Beispiel, an dieses wunderbare Gefühl der Öffnung und Erstmaligkeit, dieses erregende Aufbrechen der Sinne und Wahrnehmungen.

 

Damals, als wir zur Grenze hinaufstiegen und die Schilder mit der Aufschrift „Pozor Hranice“ zum ersten Mal nicht eine eiserne Wand markierten, an der alle Wünsche und Absichten abprallten, sondern sich in Luken und Türen verwandelten, durch die wir ungehindert hindurchkriechen, ja hindurchschreiten konnten, damals … Auf der anderen Seite entdeckten wir die Traumfiguren Alfred Kubins und Josef Váchals, die von den Stimmungen und Temperaturen des Waldes erzählten, wir entdeckten die „Wimper dunkler Tannen“, die Adalbert Stifters naturaugenhaften See umschlossen hielten, und fanden die Reste eines verwitterten Lederbeutels, in dem einst die Gulden klimperten, die ein fürstlicher Waldheger für die Errichtung des Denkmals über dem See erhalten hatte. Das war Musik in den Ohren seiner Waldarbeiter, die von Amerika träumten, Musik auch in unseren Ohren, die wir ungläubig und zögernd in das Niemandsland vordrangen, jeden Augenblick gewahr, einen Stromschlag zu erhalten wie Kühe auf einer gesicherten Weide.

 

Doch nur die Fantasie erteilte uns Schläge, die nachhinkende Wahrnehmung der Fantasie, die kilometerlange Schneisen im Wald mit Stacheldrahtzäunen und Stromleitungen ausstattete, die längst demontiert waren, und das Ohr mit Hundegebell und Schritten narrte, die längst verklungen waren. So unwirklich wirkte der Obelisk auf uns, damals im Juli 1990, das Stifter-Denkmal, der „Herzschlag des Waldes“, so unwirklich kamen wir uns selber vor, ganz und gar ungewiss, substanzlos, gegenwartsunfähig.

 

Doch was war damals, was ist heute? Am Seeufer vor dem Kronprinzenstein entdecken wir einen Mann, der dort allein mit seinem Kontrabass in der Abenddämmerung steht und den Klängen nachlauscht, die er mit langen schmalen Fingern seinem Instrument entlockt. Wie kleine durchsichtige Boote gleiten die Töne über den See und kehren als leises Echo zurück. Ihre schimmernden Segel verwandeln sich ununterbrochen, mal steigen sie wie Seifenblasen auf, mal tanzen sie wie Schmetterlinge zwischen den Mücken. Noch intensiver als dieses klingende Spiel wirkt das untertönige Summen der Saiten, das im Rhythmus der Melodie über das Wasser wandert, ohne auch nur einen Zentimeter einzusinken.

 

Als sei er ein Teil der Landschaft, ein verwurzelter, verwitterter Baum, der hier sein Laubdach ausbreitet, steht der Musiker mit seinem Kontrabass am Ufer und spielt ein Lied von einem armen fremden Wanderer, das er viele Jahre mit dem Spirituál Kvintet gespielt hat, immer leiser und immer selbstverständlicher, bis er selbst zu diesem Wanderer geworden ist. Je tiefer die Dämmerung auf den See sinkt, desto mehr nimmt sein Gesicht unter den weißen Haaren die Züge eines alten Indianers, eines Medizinmannes an, in dessen Falten und Furchen sich die Spuren eines langen Lebens eingegraben haben. Es ist das Gesicht eines Mannes, der das Leid des Eingesperrtseins kennt und weiß, wie sehr es zermürben und zermartern kann, wenn es nicht nur Tage, sondern Monate und Jahre dauert. Ein Mann, der auch das Leid des Ausgesperrtseins kennt und weiß, wie sehr man verkümmern und vertrocknen kann, wenn die Sehnsucht nach geliebten Menschen und Orten nicht in Erfüllung geht. Die Verletzungen des Gefängnisses und des Exils, die bange Kraft der Hoffnung, des Glaubens, des Herzens, all das schwingt in den Klängen des Kontrabasses mit.

 

Der Mann steht allein am Seeufer und spielt, bis die wachsende Dunkelheit nur noch einen Schattenriss zeigt, seine Gestalt, die mit den Umrissen des Instruments verschmilzt und sich auflöst in der Melodie seines Lebens, die über den dunkelschillernden See wandert und an den Berghängen hinaufsteigt bis zu dem nächtlichen Blau des Himmels.

 

Peter Becher, 1952 in München geboren, Studium der Germanistik und Geschichte, Tätigkeit in der Jugendarbeit, beim Bayerischen Rundfunk und beim Goethe-Institut. 1986–2018 Geschäftsführer des Adalbert Stifter Vereins, seitdem Vorsitzender des Adalbert Stifter Vereins. Buchautor, z. B. Adalbert Stifter. Sehnsucht nach Harmonie. Eine Biografie (2017) [Tschechische Ausgabe 2019: Touha po harmonii], Mitherausgeber des Handbuchs der deutschen Literatur Prags und der böhmischen Länder (2017), Mitherausgeber der Europäischen Kulturzeitschrift „Sudetenland“.

 

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Anna Kircheis: Am Anfang

 

Am Anfang … war das Wort: Coronavirus. Etwas Neues aus Asien, aus China. Wir haben in den Nachrichten die leeren Straßen von Wuhan gesehen, die Einheimischen mit ihren Masken angestarrt, doch es war alles weit entfernt von uns. Ein neuer Tsunami oder ein Erdbeben, was uns aber in unserem Alltagsleben eigentlich wenig beeinträchtigte. Im Fernseher lief ein neuer Science--Fiction. Mehr nicht.

 

In der zweiten Februarhälfte wurden die Schulen – angeblich nur für kurze Zeit – geschlossen. Unser Alltagsleben folgte aber noch immer dem gewohnten Rhythmus. Anstatt in die Schule zu gehen, trafen sich die Kinder auf Parkplätzen, spielten und wurden hauptsächlich von den Großeltern betreut. Die Eltern arbeiteten.

 

Anfang März gab es immer mehr Tote und Erkrankte, vor allem in der Lombardei und im Veneto; die Restaurants und Bars sollten schon gegen 18 Uhr schließen, Versammlungen sollten vermieden werden. Viele Barinhaber beschwerten sich, und dank der Gewerkschaften konnten die Bars länger geöffnet bleiben.

 

Mitte März eskalierte die Situation. Mehr als 1.000 Tote. Von einem Tag auf den anderen war ganz Italien ROTE ZONE. Ab dem 12. März mussten wir alle zu Hause bleiben. Die Krankheit wurde zur Pandemie erklärt.

 

Man durfte kaum mehr hinaus. Beim Lebensmitteleinkauf musste man stundenlang Schlange stehen. Außerdem waren nur noch Bäckereien, Apotheken und Zeitungskioske geöffnet. Von diesem Moment an verfolgten wir alle möglichen Nachrichten auf der Suche nach Hoffnung. Doch es gab nur schlimmste Katastrophenstimmung. Deine rechte Hand konnte deine linke Hand beschädigen.

 

Während einerseits galt: HOMO HOMINI LUPUS EST – denn jeder konnte eine potentielle „Virenschleuder“ sein –, setzten sich andererseits viele Leute ehrenamtlich ein. Man ging für die Älteren Lebensmittel einkaufen, und für Obdachlose zum Beispiel wurden an Straßenecken Lebensmittel zusammengetragen, so dass sie sich selbst bedienen konnten.

 

Wir haben in diesen Tagen und Wochen viel Angst ausgestanden. Zu Palmsonntag und zu Ostern zelebrierte der Papst auf dem Petersplatz ganz allein die Messe. Eigenartig. Es herrschte Stille. Jeder Tag war wie ein stiller Sonntag, kaum Autos auf den Straßen, die öffentlichen Verkehrsmittel leer, alles war gedämpft.

 

Am Anfang bin ich nur einmal am Tag hinausgegangen, um Brot und die Zeitung zu kaufen. Wir hatten genügend Lebensmittel auf Lager. Nach drei Wochen aber stürmten auch wir den Supermarkt. Sonst nichts.

 

Am 11. März musste ich meine Buchhandlung schließen. Was nun? Über die sozialen Medien versuchten wir, für unsere Kunden da zu sein. Und nach Ostern waren wir auch als Buchlieferanten unterwegs. Bücher waren nämlich auf die Liste notwendiger Gebrauchsgegenstände gesetzt worden, es war erlaubt, sie zu liefern. Ich war immer früh morgens mit dem Fahrrad unterwegs, um den Kunden die gewünschten Bücher zu bringen, und die Stadt stand still, zu meinen Füßen.

 

Im Moment erleben wir die sogenannte zweite Phase. Buchhandlungen dürfen wieder aufmachen. Wir haben uns entschieden, unser Geschäft zunächst nur für vier Stunden am Tag zu öffnen. Die Kunden nehmen das Angebot gern an.

 

Was haben wir bis jetzt daraus gelernt? Es gibt die Möglichkeit, sich Zeit zu nehmen. Für sich selbst, für andere. Wir haben die Tugend der Langsamkeit, verbunden mit Herz und mehr Bewusstheit, neu entdeckt. Die FREIHEIT, das Haus zu verlassen, selbst entscheiden zu können, den Ort zu wechseln, um Leute zu treffen oder Verwandte zu besuchen, ist etwas Unersetzliches, und erst jetzt sind wir uns der Wichtigkeit dieses Wertes wirklich bewusst geworden. Und noch weitaus mehr, wie unersetzlich die GESUNDHEIT ist.

 

Anna Kircheis, geboren in Mailand. Nach dem Besuch der Deutschen Schule Mailand, studierte sie Betriebswirtschaft und war einige Jahre als Wirtschaftsprüferin tätig. In München arbeitete sie fünf Jahre lang in einer PR-Agentur. Die Liebe zu den Sprachen und ihr multikultureller Lebensstil führten sie wieder nach Hause zurück, wo sie seit 17 Jahren die internationale Buchhandlung il libro führt, die vor über 40 Jahren von ihrer Mutter gegründet wurde.

 

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Renata SakoHoess: Stifter lesen – oder (noch) nicht

 

Für mich gehören sie seit jeher zusammen: Adalbert Stifter und Tante Gusti. Wenn ich von diesem österreichischen Schriftsteller höre, der so sehr mit dem Böhmischen verbunden war, muss ich unwillkürlich an die „tschechische“ unter meinen Tanten denken, die 1912 zwar in Pressburg, aber wie dieser ihrer Hausheiligen noch in der habsburgischen Kaiserzeit geboren wurde. Deutsch war im Wortsinn ihre Mutter-(und zugleich Vater-) Sprache, die Familie verstand sich als ungarndeutsch bzw. karpatendeutsch, wie man es zwischen den Kriegen zu nennen begann. Da das Schulsystem mit dem Zusammenbruch der Doppelmonarchie, als die Stadt zum madjarischen Teilreich gehörte, nicht so rasch umgestellt werden konnte, waren Gustis erste Grundschuljahre durch das Ungarische geprägt. Zahlen konnte sie sich zeitlebens am besten in dieser Sprache merken, und Telefonnummern murmelte sie zunächst in dem mir rätselhaften Idiom vor sich hin, bevor sie sie übersetzt wiedergab.

 

Als dann in der ersten Tschechoslowakischen Republik viele Tschechen zum Aufbau des inzwischen slowakischen Landesteils ins nun umbenannte Bratislava kamen, lernte Tante Gusti den drahtigen Maschinenbauingenieur Jaroslav S. kennen und verheiratete sich kurz darauf nach Prag. Bis dahin war sie mit Slowakisch nur wenig in Berührung gekommen. Es verwundert daher nicht, dass sie fleißig Tschechisch zu lernen begann, um an die Kreise ihres Mannes besser Anschluss zu finden. In Praha-Karlín wurde sie zur begeisterten Leserin; mit den auch jüdisch-deutschen Freunden tauschte man sich gern über Bücher aus. Man verehrte Heinrich Mann (mehr als den Bruder Thomas), las gern Werfel, Feuchtwanger und Kisch. Gustis mitgebrachtes Deutsch behielt in der Masaryk-Republik als eine Sprache des Alltags seine Gültigkeit.

 

Zwei Tanten hatten bereits nach Kriegsende in München einen neuen Anfang gemacht, mit der Emigration 1968 fanden sich dann fast alle Mitglieder unsrer Pressburger Familie in Augsburg wieder. In den folgenden Jahren, allmählich dem Kindesalter entwachsend, wurde mir die kinderlose und verwitwete Tante Gusti zu einer anregenden Lesepartnerin. Gern entschlüpfte ich dem lebhaften Familienhaushalt mit jüngerem Bruder, Oma und Hund, um mich in ihrem stets adretten Apartment an den gedeckten Nachmittagstisch zu setzen. Zigarettenrauch und Chanel No. 5 vermischten sich zum Duftambiente behaglicher Teestunden. Wir tranken vorzugsweise aus durchsichtigem Chinaporzellan, nichts Kostbares, Massenware, aber doch sehr Filigran-Transparentes, das jenseits des Alltags lag. Und Tante Gusti war eine Meisterin in der Zubereitung köstlicher Mehlspeisen.

 

Da wurde mir einmal Adalbert Stifter wärmstens empfohlen. - Hm, die oben erwähnten Autoren kannte ich zum Teil aus der Schule. Den einen oder anderen ihrer erneut angeschafften Lieblinge, nun meist günstige Taschenbücher, borgte ich mir gern von Gusti aus. Stifter kam in einer leinenen Dünndruckausgabe in kräftigem Waldgrün auf den Tisch: viele, viele zarte Seiten, eng bedruckt, langatmig für eine etwa 15-Jährige. - Nein, danke, ich brachte es ungelesen wieder zurück. Es waren zum Einstieg die Bunten Steine gewesen, die ich in späterem Lebensalter durchaus mit Genuss las, den langen Atem auskostend. Doch damals stürmte ich vorwärts.

 

Wenn Gusti in meinen weiteren Jugendjahren in den Urlaub fuhr, vertraute sie mir ihren Wohnungsschlüssel an, damit ich nach Post und Pflanzen sah. Ich weitete die Aufgabe natürlich aus, um im Bücherschrank zu stöbern. Und entdeckte dann auch dieses und jenes, das man keineswegs mit nach Hause nehmen konnte. Es fand sich beispielsweise Der letzte Tango von Paris mit irritierend-reizvollen Fotos des alternden Marlon Brando zusammen mit einer jungen Frau in einer leeren Pariser Wohnung. Auch dies hatte Tante Gusti in den Regalen stehen, und es passte viel besser zu Tabakqualm und französischem Parfum als Adalbert Stifter. Doch da prallten nur scheinbar Welten aufeinander. Es ging um Leidenschaften, und Tante Gusti liebte eben auch die Natur, unternahm lange Spaziergänge, wanderte gern, holte sich Wiesensträuße oder knorrige Äste ins Heim, die sie dann mit Fingern, deren Nägel sorgfältig lackiert, jedoch stumpf gefeilt waren, liebevoll in der Vase arrangierte, nahezu asiatisch.

 

Tante Gusti ruht nun lange schon auf einem Augsburger Friedhof. Ihren tschechischen Mann hatte sie nach dessen frühem Tod nach Bratislava überführen lassen, weil sie von Prag dorthin zu ihrer Familie zurückgekehrt war, bevor sie im fortgeschrittenen Alter noch einmal die Stadt und in dem Fall auch das Land wechselte.

 

Selbstredend, dass es schließlich mir zufiel, die Wohnung der über Neunzigjährigen aufzulösen, wir standen uns bis zum Schluss sehr nah. Ins Pflegeheim brachte ich ihr die letzten Zigarettenpackerl und entsorgte später den zurückgebliebenen, im hohen Alter nicht mehr genutzten und deshalb eingetrockneten Chanel-Flakon. Alle Bücherregale mussten sorgfältig durchgesehen werden - meine eigene Bibliothek erfuhr dadurch eine belebende Infusion, die im Lauf der Zeit in mich hinein diffundiert und noch nicht aufgebraucht ist. Die zwei grünen Stifter-Rücken rufen die Erinnerung an Tante Gusti besonders wach. Und der Witiko drückt nach wie vor als Leseschuld. Doch ich bin zuversichtlich, mit meinem fortschreitenden Alter wird er sich gewiss zu einem Lesevergnügen wandeln.

 

Renata SakoHoess kam in einer deutsch-slowakischen Familie in Preßburg/Bratislava auf die Welt und verließ 1968 mit ihren Eltern die Tschechoslowakei. Nach einem Studium der Germanistik und Slawistik war sie u.a. an der Münchner LMU als Lehrbeauftragte für Slowakisch tätig. Sie veröffentlichte den Reiseführer Slowakei bei Dumont und einen Literarischen Reiseführer Pressburg/Bratislava. Sie schreibt Literaturkritiken und Reiseberichte u. a. für die Neue Zürcher Zeitung und die Süddeutsche Zeitung.

 

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Mirko Moritz Kraetsch: Ich bin ein Krisengewinnler

 

Ich bin ein Krisengewinnler. Denn am 21. März ist in der Literarischen Welt die von mir übersetzte Kurzgeschichte Intimabstand von Michal Hvorecky erschienen. Darin blickt der Autor aus einer wohl nicht allzu fernen Zukunft auf viele Jahre des Social Distancing zurück. Als ich den Text am 12. März das erste Mal las – das komplette Leben läuft dort virtuell übers Netz, von Schule über Religion, Theater und Wahlen bis hin zu amourösen Anbahnungen, die Leute sterben wie die Fliegen, dabei brutal nach Alter und Ethnie selektiert –, wirkte das sehr zugespitzt. Noch während ich den Text übersetzte, wurden um mich herum alle Schulen und Kulturinstitutionen geschlossen, religiöse Zusammenkünfte verboten. Firmen und Behörden stellten, wenn möglich, auf Homeoffice um, alle wurden zum Zuhausebleiben aufgefordert, und wenn man schon raus musste, dann mit Sicherheitsabstand zu anderen. Die Erfüllung einer literarischen Prophetie zum Zuschauen, sozusagen. Passiert einem selten.

 

Zwei Begriffe (englisch, klar) sind jetzt neu in unserem Alltagswortschatz aufgetaucht. „Homeoffice“ als Phänomen ist mir seit zwanzig Jahren vertraut. Als freiberuflicher Übersetzer aus dem Tschechischen und Slowakischen arbeite ich seit jeher „von zu Hause“ (so die von mir benutzte Formulierung). Für mich gab’s also keine Änderung in den Arbeitsabläufen – abgesehen von einem meiner Viertberufe: Berlin-Gästen die Stadt zeigen kann ich momentan und sicher auch noch für lange Zeit nicht –; auch wurde keins meiner aktuellen Übersetzungsprojekte verschoben oder gar abgesagt, wie es leider einigen Kolleginnen und Kollegen passiert ist. Bei tschechischer und slowakischer Literatur spielt es offensichtlich kaum eine Rolle, ob nun zum Buchstart eine Lesereise stattfinden kann; das tut es aber, bis auf seltene Ausnahmen, eh nicht, viel zu teuer angesichts des realistischerweise zu erwartenden Verkaufsumsatzes, und dazu die Sprachbarriere … Auch zue Buchläden (in Berlin und Sachsen-Anhalt sind sie allerdings geöffnet geblieben, wenn auch unter erschwerten Bedingungen) stellen wohl keinen besonderen Nachteil dar, denn ein Sonderschaufenster zum aktuellen Titel von Iva Procházková ist kaum mehr als ein schöner Traum. Tschechische und slowakische Literatur in deutscher Übersetzung findet schon ihren Weg zum Publikum. Oder eben nicht.

 

Problematisch ist der Begriff „Social Distancing“, erst recht in der deutschen Übersetzung „soziale Distanz“. Der Philosoph Julian Nida-Rümelin hat sich am 28. April dazu sehr treffend in der Rubrik Corona-Tagebuch in der 3sat-Kulturzeit geäußert. Das Phänomen ist schon seit den Pestepidemien im Mittelalter bekannt und bezieht sich auf die räumliche Absonderung Erkrankter. Auf dieser Überlegung basieren die Kontaktbeschränkungen und Abstandsgebote. Umso wichtiger ist es aber, die soziale Nähe über andere Kanäle aufrechtzuerhalten. Das ist ein Thema, das mich – zum Glück nur theoretisch, nicht aus eigenem Erfahren in meinem Umfeld – momentan beschäftigt. Um ungewollte Einsamkeit (Extremfall: Sterben in Isolation) zu vermeiden, bedarf es schleunigst vertretbarer Lockerungen bestehender Regelungen. Was zum Glück wohl auch geschieht.

 

Als Mensch, der beruflich mit Wortfindung zu tun hat, bin ich gerade für den sprachlichen Aspekt meiner Umwelt sehr empfänglich. Seit dem 29. April gibt es im Medienmagazin @mediasres beim Deutschlandfunk die Rubrik Sagen und Meinen. Dort werden Begriffe, die – in diesem Fall speziell von Journalistinnen und Journalisten – schnell einmal unreflektiert übernommen werden, aus der Nähe beleuchtet. Das ist sehr verdienstvoll, es schärft die Aufmerksamkeit. (Bis heute gibt es zwei Folgen, da freue ich mich schon auf viele mehr.)

 

Apropos: Auch das Tragen von Mundschutz und das ständige Beschalltwerden mit Ermahnungen zum Einhalten der Regeln sehe ich als Erinnerung daran, die eigene Aufmerksamkeit für diese Themen aufrechtzuerhalten. Vermutlich wird das auch ein bleibender Effekt sein, eine veränderte Wahrnehmung unserer Mitmenschen. Wobei – wenn ich bei meinen Wegen durch Berlin so sehe, was sich meine Zeitgenossinnen und Zeitgenossen unter einer Distanz von 1,50 m vorstellen, kann ich nur staunen. Ich bin wirklich nicht gut im Schätzen, aber fast alle Erwachsenen weisen eine Körpergröße zwischen eins fünfzig und zwei Metern auf, ich muss sie mir also nur liegend vorstellen und weiß Bescheid. (Demzufolge haben offenbar viele Leute sehr verzerrte Vorstellungen davon, wie groß sie sind.) Vorausgesetzt natürlich, meine Mitbürgerinnen und Mitbürger denken überhaupt über das Thema nach, wenn sie auf ihr Telefon starrend beim Vorübergehen meinen Oberarm streifen oder mit Musik auf den Ohren beim Joggen – ohne Mundschutz, weil dabei besonders lästig – keuchend ein Aerosolwölkchen hinterlassen, in das ich mit dem nächsten Schritt eintauche. Nicht dass ich besondere Angst vor einer Ansteckung hätte, ich gehöre zu keiner Risikogruppe, ich kann mich auch nicht erinnern, jemals von einer der Grippewellen betroffen gewesen zu sein. Aber unbedingt haben will ich das Zeug nun auch wieder nicht, wenn sich’s einrichten lässt.

 

PS. Das mit der Krisengewinnlerei ist übrigens eher virtuell. Denn das Honorar für meine Übersetzung habe ich bis zum 6. Mai noch nicht erhalten. Kommt aber sicher bald. 

 

Mirko Moritz Kraetsch, geboren in Dresden. Studium der Bohemistik und Kulturwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität und an der Prager Karlsuniversität. Seit 2000 freiberuflicher Übersetzer (Belletristik, Dramatik, Lyrik, Sachtexte) aus dem Tschechischen und Slowakischen sowie Sachbuchautor, zudem Literaturvermittler und Moderator von Lesungen. Nebenberuflich Stadtbilderklärer in Berlin und Umland.

 

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Maskenbaum in Prag
© Christoph Israng, Deutsche Botschaft Prag

Kateřina Tučková: Vom Volk fürs Volk

 

Nein, nicht neue Schuhe. Auch keine neue Jacke, kein neuer Rock. In diesem Frühling müssen wir alle unsere Privatgarderobe um ein völlig anderes Kleidungsstück erweitern – eine Maske. Und unverzüglich. Das Coronavirus könnte überspringen – durch einen einzigen Huster eines anderen Fahrgasts in der Straßenbahn oder Metro, bei jedem Begrüßungsküsschen. Mit der Maske schützen wir uns gegenseitig, ohne sie darf niemand mehr aus dem Haus, so hat es die Regierung mit sofortiger Gültigkeit Mitte März beschlossen.

 

Nur – woher eine solche Maske nehmen?

 

An den Türen der Apotheken hängen noch am selben Tag Schilder „Masken ausverkauft“, und die Online-Shops mit medizinischem Bedarf lassen wissen: „Ware zurzeit nicht verfügbar“. Tausende tschechische Mütter setzten sich also noch in dieser Nacht an die Nähmaschine und nähten nach Schnittmustern, die prompt auf den Seiten der sozialen Netzwerke zur Verfügung standen, Schutzmasken aus zerschnittenen Bettlaken, damit sich die Familie am nächsten Morgen das Gesicht verdecken könnte.

 

Mir wurde nicht gerade handwerkliche Geschicklichkeit in die Wiege gelegt. Also mussten mein Mann und mein Sohn sich in den ersten Tagen mit verschiedensten und wenig gelungenen, rutschenden und sich verwurstelnden Kreationen begnügen, die zu ihrem Verdruss nicht über Mund und Nase halten wollten, bis plötzlich an der Ecke unserer Straße ein Maskenbaum stand.

 

Ein ausgedienter Kleiderständer, festgebunden am Zaun, damit der Wind ihn nicht umstieße, trieb Tag für Tag an kleinen Schleifchen Masken zum Mitnehmen, wie ein handgeschriebenes Schildchen anzeigte. Einfache weiße Unisex-Masken, wohl aus einem Tischtuch zusammengestoppelt, bunte Masken mit Blumenmuster oder meditativen Mandalas, Masken mit lachendem Maulwurf in unterschiedlichen Kindergrößen – jeder konnte sich aussuchen, wonach ihm der Sinn stand. Auch ich habe mir ein paar mitgenommen. Und als Gegenleistung an den Maskenbaum frisch gebackene Kolatschen gehängt, und eine Tasche mit Stoffen und Borten, die ich selbst nicht in das erwünschte Ergebnis hätte verwandeln können. In den Tagen danach erspähte ich im Gesicht eines Passanten ein Stück Hemd von meinem Mann – auf dem Maskenbaum reifte die Ernte aus unseren Quellen.

 

Der alte Kleiderständer, geschmückt und bestückt mit Schutzmasken für die weniger praktisch Veranlagten aus unserer Straße, ist nur eines von vielen Beispielen der bemerkenswerten Solidaritätswelle, von der Tschechien in den letzten Wochen erfasst wurde. Die sozialen Netzwerke gaben Zeugnis davon, dass die Menschen, auch über Nachbarschaftshilfe hinaus, nicht zögerten, sich gegenseitig umfassend zu unterstützen. An die Nähmaschinen setzte sich, wer sich von einem Tag auf den anderen ohne Arbeit sah, aber auch Studenten und Häftlinge, und hinter den Kulissen manch eines geschlossenen Theaters wurde genäht und genäht. Während die frisch gebackenen „Masknerinnen“ und „Maskner“ (wie das tschechische Internet sie bald taufte) zurechtschnitten, zusammensteckten und nähten, sorgten andere freiwillig für die Logistik, brachten Material oder eine Stärkung zu den Näherinnen und die Masken zu denjenigen, die ihrer am dringendsten bedurften. Hunderte davon wanderten auf diese Weise in die Hände des Personals der Pflegeheime, zu Senioren, Behinderten, Obdachlosen, kurz zu allen, denen die Regierung eine Maske verordnet hatte, wobei eben diese Regierung freilich vergessen hatte, die Betreffenden mit dem geforderten Mund- und Nasenschutz auszustatten.

 

Wir wussten uns auch ohne Regierung zu helfen, fast möchte man sagen, nicht ohne Stolz auf die sprichwörtlich goldenen tschechischen Hände, die in den vergangenen Wochen von so vielen goldenen Herzen befeuert wurden. Was jedoch aussieht wie eine löbliche Unterbeweisstellung von Gemeinschaftsgefühl und höchst lebendigem Improvisationstalent, weckt andererseits auch Befürchtungen. Die Menschen sind mit Ausrufung des Notstandes allzu rasch zu jenem Modus Operandi zurückgekehrt, den sie unter dem vorangegangenen Regime erlernt haben, und zusammen mit dem Tragen selbst genähter Maulkörbe haben sie schweigend auch alle weiteren von der Regierung verordneten Restriktionen akzeptiert. Haben ohne Protest das verfassungswidrige Versammlungsverbot hingenommen, die Einschränkung der Bewegungsfreiheit und auch das Herablassen eines Corona-Vorhangs, hinter dem sie nun ebenso festsitzen wie einst hinter dem Eisernen.

 

Die Masken und ihr nicht ausreichendes Vorhandensein, die Masken und ihr Schnitt, ihr Muster, ihre Luftdurchlässigkeit, Masken und wieder Masken haben für einige Zeit alle Gespräche bestimmt, so dass viele vermutlich den Kabinettsentwurf, der für die Zeit des Notstands eine Erweiterung der Machtbefugnisse des Premierministers durchsetzen wollte, gar nicht mitbekommen haben. Auf Druck der Medien wurde dieser Entwurf zum Glück zurückgezogen. Über das herzerwärmende Gefühl flächendeckender Zusammengehörigkeit legt sich inzwischen ein ängstlicher Schatten, die Befürchtung, dass wir in unserer Maskenblindheit am Schluss womöglich gar nicht merken, dass die Regierungsmaßnahmen gegen die Verbreitung des Corona-Virus, die ursprünglich nur vorübergehend gelten sollten, sich unbemerkt in unserem Leben festsetzen, und zwar für immer.

 

Aus dem Tschechischen von Kristina Kallert

  

Kateřina Tučková, 1980 in Brünn geboren, studierte Kunstgeschichte und tschechische Philologie an der dortigen Masaryk-Universität. Sie ist als Kuratorin, Publizistin und Schriftstellerin tätig. Inspiriert durch ihren Roman Vyhnání Gerty Schnirch (2009, deutsch: Gerta. Das deutsche Mädchen, 2018) über die Vertreibung der Brünner Deutschen im Mai 1945 wurde das Festival Meeting Brno ins Leben gerufen, dessen Programmdirektorin sie von 2016 bis 2018 war.

 

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Wolfgang Sréter: Wo gehen Grenzen hin?

 

„Gleich hinter der Grenze beginnt Tschechien, dieses schöne, sanfte Land. Dort ist alles mit Sonne übergossen, vom Licht vergoldet. Die Felder atmen gleichmäßig am Fuß der Tafelberge, die wahrscheinlich nur dazu da sind, um schön zu sein. Die Wege sind gerade, die Flüsse sauber, in den Vorgärten weiden Damwild und Mufflons. In den Kornfeldern tollen kleine Hasen herum, und um sie vorsichtig, aus sicherer Entfernung zu verscheuchen, hängen an den Mähdreschern kleine Glöckchen. Die Menschen haben es nicht eilig, und sie stehen nicht in ständigem Wettstreit miteinander. Sie laufen keinen Hirngespinsten hinterher. Es gefällt ihnen, wer sie sind und was sie haben.“

 

Gut, das ist Literatur, auch wenn man es ernst nehmen muss, denn die Sätze stammen von der Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk (Der Gesang der Fledermäuse, 2009). Allerdings, und das ist vielleicht ein kleiner Makel, hat sie diese höchste Auszeichnung für eine Dichterin rückwirkend bekommen. Das Komitee, bestehend aus gewichtigen Männern mit dicken Brillen, hat für die Entscheidung offensichtlich eine ganze Weile gebraucht.

 

„Tschechien gehört die Zukunft!“ Das wiederum sagte ein Politiker und man weiß sehr wohl, dass Politiker es mit der Wahrheit nicht immer genau nehmen. Mein Freund Jan Skácel behauptete sogar, mit Staatsmännern gebe es immer Sorgen aller Art. Und er fuhr fort: „Wenn uns manchmal von den Sorgen mit dem einen Staatsmann ein anderer befreit, dann erwarten uns gewöhnlich wieder Sorgen mit dem zweiten Staatsmann. So ist es eben in diesem Land“, schrieb er und man kann gar nicht glauben, dass er schon seit November 1989 tot ist.

 

In jenem November kam die Freiheit. Natürlich nicht für uns in Westen, denn wir wurden bereits am 8. Mai 1945 damit beschenkt. Die amerikanischen Soldaten hatten sie im Marschgepäck, zusammen mit Nylonstrümpfen, Erdnussbutter, Chewinggums und Chesterfield. Als ich 1946 zur Welt kam, war die Freiheit schon ganz gut eingeführt, und dort, wo noch etwas fehlte, packte man sie zu Corned beef und Dosenkäse in die Care-Pakete. Manche hatten zwar noch – zur Sicherheit – die alten Überzeugungen im Schrank, aber nach außen hin ließen sie sich nichts anmerken. Das markante Oberlippenbärtchen kam aus der Mode, dafür kamen Persilscheine groß raus.

 

Allerdings kam 1989 auch für uns ein Stückchen mehr Freiheit dazu. War es in den Jahren davor Pflicht, ein Visum im Pass zu haben, damit sich der Eiserne Vorhang einen Spalt breit öffnete, konnte man nun, nachdem von diversen Bürgermeistern diesseits und jenseits der Grenze weiße Bänder durchschnitten, historische Schritte getan und Meilensteine der Geschichte gesetzt worden waren, ungehindert die Nachbarn besuchen. Sie wohnten noch nicht in blühenden Landschaften, das konnte man wirklich nicht behaupten, aber der Duft der Freiheit hing schon in Form von Zigarettenreklame in der Luft.

 

Eigentlich blies bereits 1968 von Prag aus der Frühling einen lauen Wind über die Minen an den Stacheldraht. Gerüchte über eine Grenzöffnung geisterten damals durch die Ortschaften und man träumte von einem gemeinsamen bayerisch-tschechischen Nationalpark. Ein Münchner Reiseunternehmer hatte bereits Krimsekt für eine ausgesuchte Klientel bestellt, aber die Politiker auf beiden Seiten der Demarkationslinie hatten kein Interesse an einer Veränderung des Status quo. Die Gegend um den Stifter-Obelisk wurde noch einmal für mehr als zwanzig Jahre zum verlorenen Winkel am Ende der Welt.

 

Und wahrscheinlich hatten sich die Bewohner der Tschechoslowakischen Sozialistischen Volksrepublik schon damit abgefunden, dass nicht nur der Besuch Deutschlands, sondern auch des neutralen Österreichs für immer schwierig bleiben würde, als plötzlich – wie man sagt: ohne Vorwarnung – die „desolation roads“ an den Grenzen geöffnet wurden. Der Stacheldraht wurde aufgerollt, die Wachtürme abgebaut und die Panzersperren entsorgt, als seien sie nicht mehr zeitgemäß. Eine beliebte Konstante war weggefallen: Die Drohung „Dort drüben steht der Russe“ hatte keine Gültigkeit mehr. Auf beiden Seiten gingen die Schlagbäume auf, und lange Autoschlangen wälzten sich an erstaunten Grenzbeamtengesichtern vorbei. Mithilfe dieser überraschenden Entwicklungen konnten sich Politiker diesseits und jenseits verschiedener Anschauungen vor laufenden Kameras zu ihrer aller Vorteil in Szene setzen.

 

Lange Zeit waren danach die Zollhäuser an der ehemaligen Grenze verwaist. Sie sahen aus, als hätte man sie nach all dem Aufmarsch von Reportern, Mikrofonen und Kameras vergessen. Im Vertrag von Schengen wurde kein Paragraf über den Verkauf oder die Vermietung verankert. Ökonomisch gesehen, ein Versäumnis. Manche träumten schon davon, ähnlich den Passionsspielen, Grenzspiele  zu veranstalten. Sie waren der Meinung, dann hätten die alten Uniformen mit ihren Orden noch einen Sinn und würden regelmäßig in Mottenpulver gebadet und für die Events aufgebügelt.

 

Und nun? Nun sind die Grenzen wieder zurück und es besteht nicht einmal die Möglichkeit, ein Visum zu bekommen. Die Frage eines Spaßvogels: „Wo gehen Grenzen hin, wenn sie nicht mehr gebraucht werden“, muss man folgendermaßen beantworten: Beim geringsten Anlass sind sie wieder zur Stelle, auch wenn sie keinen Stacheldraht, keine Panzersperren und keine „Pozor!“-Schilder mehr im Gepäck haben. Wenn einer Glück hat und „das Doppel einer an das tschechische Innenministerium adressierten Verbalnote der deutschen Botschaft in Prag“ vierundzwanzig Stunden vor der Einreise vorweisen kann, öffnet sich unter Umständen der Schlagbaum.

 

Wer aber hat schon so etwas?

 

 

Wolfgang Sréter, geboren 1946 in Passau, Studium der Volkswirtschaftslehre und Soziologie. Seit 1988 freischaffender Autor und Fotograf sowie Dozent für Kulturmanagement und interkulturelles Lernen. Mitglied bei „Reporter ohne Grenzen“. Vorstandsmitglied des Adalbert Stifter Vereins.

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Petra-Maria Dallinger: „Schreiben Sie mir, so oft Sie können“

 

Schreiben Sie mir, so oft Sie können, angesichts meiner außergewöhnlichen Lage. Meine Laune kann jetzt nicht gut sein, und Ihre Briefe entreißen mich dem Interesse an der Cholera und versetzen mich für kurze Zeit in eine andere Welt“, schreibt Anton P. Čechov im Sommer 1892 während der Ausbreitung einer Cholera-Epidemie an seinen Verleger A. S. Suvorin.

 

Darf in Tagen eines kollektiven Ausnahmezustandes die Laune des Einzelnen gut sein? Wird vor dem Hintergrund einer unvermittelt veränderten Welt nicht auch das Persönliche problematisch, das individuelle Wohlsein zum Verrat am kollektiven Unwohlsein? Selbst wenn man fröhlich sein könnte, hat man das Gefühl, das gehöre sich nicht. Verpflichtende „soziale Distanzierung“ – ein doppeldeutiger Begriff für Hygiene-Empfehlungen –, geschlossene Kindergärten, Schulen und Universitäten, geschlossene Betriebe, Gaststätten, Museen, Parks. Ausgangsbeschränkungen. Die Verlagerung der Berufsarbeit ins private Umfeld. Schutzmasken. Überlegungen, soziale Kontakte über das Smartphone oder über digitale Schlüsselanhänger zu überwachen. Die Rückkehr in den gewohnten Alltag unabsehbar. Die Politik spricht von zukünftiger „neuer Normalität“.

 

Wo finden sich Schlupflöcher in die alte Normalität, wenn die Wirklichkeit sich mit einem Mal derart verdüstert? Bieten Lesen und Schreiben, die vielen in Literatur aufgehobenen Lebens- und Denkmodelle, Zuflucht oder Ausflucht? Lassen sich Fenster aufstoßen in Zeiten der Beengung? Womöglich, weil die Übung in guten Tagen meist gelingt? Es wird davon abhängen, wie viel Raum Verunsicherung, Angst und äußere Zwänge für sich beanspruchen. Möglicherweise erreichen uns Briefe leichter, vermögen es vielleicht, uns für eine Weile dem Gefühl des Gefangenseins entreißen, wie Čechov es andeutet. Angesichts von Bedrohung sucht man Nähe und Übereinstimmung eher als Ablenkung. Im Übrigen: Auch Nähe bedarf der Freiheit und der Freiwilligkeit, abgesehen davon, dass sie derzeit weitgehend verboten ist. Doppelt ersehnt also.

 

Während der Cholera-Epidemie 1892 stellte sich Anton Čechov – zum Sanitätsarzt ernannt im Kreis Serpuchov, in dem er das Landgut Melichovo erworben hatte – in den Dienst der Seuchenbekämpfung. Darüber, was diese Aufgabe von ihm forderte, gibt er in Briefen Auskunft: das Gefühl „nicht sich selbst zu gehören“. Wiederholt die Absage an die Literatur, die seine eigentliche Leidenschaft ist: „Natürlich ist an die Literatur gar nicht zu denken.“ Übrigens schreibt er doch, „zwei kleine Novellen […], eine leidliche und eine, die miserabel ist.“ Der titelgebende Krankensaal Nr. 6 der einen Erzählung ist bezeichnenderweise in jenem Trakt des Spitals angesiedelt, der die Psychiatrie beherbergt. Gefährdung des Lebens von dieser und von jener Seite. Der Körper lebt und leidet mit dem Geist ebenso wie umgekehrt.

 

Eine gute Generation davor wurden die ohnedies schon strapazierten Nerven eines anderen Dichters ebenfalls durch eine Cholera-Epidemie – jene von 1866 – in besonderer Weise gereizt. Adalbert Stifter, der Leib und Seele in der Einsamkeit des Bayerischen Waldes kurieren wollte, verfolgte die Entwicklungen nach Ausbruch der Epidemie aus der Distanz der selbst gewählten Klausur. Etwa durch das Studium von Zeitungsmeldungen, die bei ihrem Eintreffen naturgemäß schon wieder überholt waren. Der Briefkontakt mit einem Arzt sollte Sicherheit vermitteln, wo es im Grunde keine gibt. Gewissermaßen mit dem Fernrohr in der Hand wird Stifter Opfer der Epidemie.

 

Die Sorge um seine in der Linzer Wohnung zurück gebliebene Frau zelebriert er ausufernd, ja obsessiv in seiner Korrespondenz. An rasche Rückkehr denkt er nicht. Selbsterkenntnis lindert Gefühle der Panik nur temporär. „Ein liebendes Gemüth fürchtet immer, wo auch nichts zu fürchten ist, und ein hypochondrisches Gemüth besonders“. Immer wieder existenzielles Erschrecken, die jäh hereinbrechende Erkenntnis der Endlichkeit, die der anderen und die eigene. Seine Angst lässt sich nicht so einfach abarbeiten; wenn, dann am ehesten im Tun, vielleicht im Erzählen, sicher im Lachen. Bemerkenswert ist jedenfalls, dass der Schul- und Hofrat seine erkrankte Hauswirtschafterin, die der Cholera nicht unähnliche Symptome zeigt, beherzt pflegt: „Ich werde dir recht weitläufig erzählen, wie ich die Göschl Nani im Durchfalle bei mir gepflegt und geheilt habe. […] Die Geschichte ist traurig und lächerlich, und ich fürchte, du wirst, wenn wir einmal recht traulich beisammen sizen, und ich sie dir erzähle, statt zu schaudern in Einem fort lachen.

 

Dass man sich über das „Gespenst“ der Epidemie vielleicht doch hinweglesen kann, bleibt jedenfalls zu hoffen. Für eine Begegnung mit Stifter – wiederholt als Meister der Inszenierung von Langeweile apostrophiert – wird man vielleicht gerade in einem Zustand erzwungener Ruhe zum idealen Leser. Die Leseanstrengung wird belohnt mit Beschwichtigung der Furcht, durch ein Einschwingen auf einen anderen Rhythmus, einen deutlich verlangsamten. Anders bei Čechov: Seine lakonische Gelassenheit – „Kürze ist die Schwester des Talents“, heißt es bei ihm – vermag der Tragik jeder denkbaren Realität viel von ihrer Unerträglichkeit zu nehmen. Beides ermutigend.

 

Die sogenannte Langeweile als Möglichkeit zu sich zu kommen, Heiterkeit und leise Ironie als Widerstand gegen die Macht des Unverfügbaren – das sind nur zwei Möglichkeiten unter vielen. Eine, nicht bloß in der Politik neuerdings häufig gehörte Behauptung – etwas sei „alternativlos“ – findet sich weder beim einen noch beim anderen Dichter. Im Leben wie in der Kunst geht es immer auch um Alternativen, nicht um Widerspruch und Widerrede erstickende, sich selbst versiegelnde Autorität. Auch ein Versprechen von Sicherheit gibt es nicht, Leerstellen und Widersprüche müssen ausgehalten werden, als Teil der Erzählung wie als Teil des Lebens.

 

Die Straßen sind stiller, die Vögel lauter geworden, oder hört man sie nur besser? Die Bäume blühen. Eigentlich ist vieles wie sonst, auch wenn alles anders ist. Bald soll eine teilweise Rückkehr in den Arbeitsalltag möglich sein. Was das heißt, wird sich zeigen. Ob sich am Lesen und Schreiben etwas ändert, sich etwas geändert haben wird? An unserer Wahrnehmung der Natur, an unserem Empfinden für Nähe und Distanz? Die Literatur wird auch darüber berichten.

 

Der Himmel zeigt sich dieser Tage ungewöhnlich freundlich, geradezu strahlend. Ob er es aus Gleichgültigkeit tut, oder ob er uns damit doch einfach Freude macht? Wir wollen Letzteres dankbar annehmen.

 

Lektüreempfehlung:

Anton Čechov: Briefe. Hrsg. von Peter Urban. Zürich: Diogenes Verlag 1998

Adalbert Stifter: Briefe. Hrsg. von Gustav Wilhelm. Nachdruck Hildesheim: Gerstenberg 1972


Dr. Petra-Maria Dallinger, geboren 1964 in Linz, hat Germanistik und Kunstgeschichte in Wien studiert. Seit Herbst 2004 ist sie Leiterin des StifterHauses/Adalbert-Stifter-Institut des Landes Oberösterreich, außerdem lehrt sie an der Universität Wien und an der Kunstuniversität Linz. Sie ist Herausgeberin u.  a. des Jahrbuchs des Adalbert-Stifter-Institutes und der Rampe – Hefte für Literatur sowie Mitglied des Kuratoriums des Adalbert Stifter Vereins.

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Efraim K. Sidon: Ist der Frühling da?

 

Ist der Frühling da? Durch die Westfenster schaue ich hinaus auf den Petersplatz mit den paar noch kahlen, aber sicher schon treibenden Platanen, und bisweilen betrachte ich die Menschen, bisweilen auch zähle ich sie. Der kleine Platz scheint leer, und dennoch, in nur wenigen Minuten habe ich zehn Leute gezählt, die ihn überquerten, Nase und Mund selbstverständlich verdeckt.

 

Und da fällt mir ein, „der Frühling ist da“, um es mit dem Titel einer Feuilleton-Reihe von Ludvík Vaculík zu sagen. Wir aber haben Hausarrest, auch die Kinder, und Gott allein weiß, für wie lange, als habe irgendwer da oben die Absicht, jene Gewissheit in Zweifel zu ziehen, die uns Menschen immer geholfen hat, schlimme Zeiten zu überstehen. Als Zeitzeuge von Vater Vaculíks ersten Samisdat-Feuilletons weiß ich, dass allein schon ihr Titel „Der Frühling ist da“ nicht anpassungswillige Bürger, über die der Staat Quarantäne verhängt hatte, ermutigen wollte, denn die Natur hatten sie gewissermaßen auf ihrer Seite. Vaculík hat uns mit seinen Feuilletons signalisiert, dass den Anbruch des Frühlings in Abrede zu stellen auch ein noch so perfides System nicht die Macht hat. Dieses Jahr allerdings kommt mit dem Frühling zugleich das Coronavirus, das selbst ein Stück Natur ist, und der Staat sitzt genau so in der Patsche wie die, die in ihm leben.

 

Der blaue Himmel, der sich dank Corona über Wuhan zeigte, hat auch Unbelehrbaren demonstriert, dass für die Verschmutzung der uns nahen Himmelsschichten wir, die wir darunter leben, die Schuld tragen. Westliche Firmen haben ihre Produktion nach China verlegt, dort ist Arbeitskraft billiger, und da es den Chinesen inzwischen um einiges besser geht als früher, reisen sie nun auch überall dahin, wo die Luft sich leichter atmen lässt als zu Hause. Umgekehrt stürmen Amerikaner und Europäer nach China, um eine kommunistische Welt in westlicher Verpackung zu sehen. Alles rotiert im Reisetrubel, Hoteliers und Reisebüros, Fluglinien, Automobilwerke und auch die Landwirtschaft, und in dieses Feuer gießt systematisch noch die Reklame ihr Öl, indem sie paradiesische Erlebnisse durch freie Bewegung kreuz und quer über den ganzen Planeten verspricht. Bezahlt wird die Reklame von den Verkäufern der Paradiesfrüchte, und die wiederum werden bezahlt von denen, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen und also Geld ausgeben können. Damit will ich sagen, was wohl jedem klar ist, dass nämlich von diesem Karussell niemand abspringen kann, es sei denn, man hält es an, was auch wieder keiner will. Corona aber hat nun genau dies für eine Weile getan, und die Folgen der Maßnahmen gegen das Virus haben die Weltwirtschaft jetzt schon in eine Krise gestürzt.

 

Sollten wir nicht in der Zeit, bis die Räder der Volkswirtschaften sich von Neuem zu drehen beginnen, in uns gehen und uns unseren Anteil an dem Übel eingestehen? Den Schluss daraus ziehen, dass wir den Krieg, den wir der Natur erklärt haben, durch eigenes Verschulden verlieren? Nicht die Natur führt einen Krieg gegen uns, sie ist einfach, wie sie ist, und respektieren die Menschen die Realität nicht, dann schaden sie sich selbst. Leider sage ich nichts Neues, es ist die Krankheit, die der menschlichen Zivilisation seit Anbeginn innewohnt.

 

Ein Zusammenhang aber, so scheint mir, verdient besondere Aufmerksamkeit: die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Sie besagt, dass die Menschheit nur eine war, eine Gemeinschaft an einem Ort. Heute ist für uns dieser Ort der Planet Erde, da es Gott damals nicht gefiel, dass die Menschen, um sich einen Namen zu machen, einen Turm bauen wollten, der bis in den Himmel reicht. „Sieh an, ein Volk, eine Sprache, und jetzt das“, hat Gott sich gesagt, als er ihr Werk besah, „wer würde sie jetzt noch hindern zu tun, was immer sie sich in den Kopf setzen!“ Doch damit sie von dem begonnenen Bau abließen und sich nicht länger einen Namen machen wollten, hat er ihnen die Sprache verwirrt und keiner mehr konnte den andern verstehen. Und das war der Anfang unserer Zivilisation.

 

Wenn wir uns fragen, was Gott gegen dieses Unterfangen haben konnte, müssen wir im Buch der Bücher ein wenig weiterblättern. Wir werden sehen, dass der Kommentar zum babylonischen Turmbau die Geschichte von der Leiter ist, die auf Erden steht und in den Himmel reicht. Diese Leiter reichte aber nicht in den Himmel, damit unser Urvater Ja'akov sich einen Namen machen würde, sie war vielmehr seine Verbindung mit Gott. Wenn wir wieder zu nur einer Menschheit werden, würde sich in Anbetracht des Coronavirus die Frage erübrigen, ob die Idee, sich um des eigenen Namens willen einen Turm bis in den Himmel zu bauen, sich während all der Jahrtausende aus unseren Köpfen verflüchtigt hat.

 

Doch schon während der Krise melden sich Stimmen zu Wort, die vom Licht am Ende des Tunnels sprechen, und sie denken dabei an eine durch diese Erfahrung veränderte Welt, die nicht mehr dieselbe sein wird. Natürlich meinen sie damit nicht, dass wir auf unsere Bewegungsfreiheit verzichten sollen und die Grenzen zwischen den Staaten wieder luftdicht verschließen, sondern dass wir von nun an anders über uns selbst und die Welt nachdenken werden. Die Covid-Pandemie betrifft in der Tat nur uns, die Menschen in ihrer Gesamtheit, und wir müssen aus ihr lernen. Nicht nur, wie man ihrer Herr wird, sondern wie man vergleichbaren Katastrophen vorgreift und vor allem sie gar nicht erst verursacht. Dass die Welt, in der wir leben, eine ist, ist die erste und grundsätzlichste Lehre, aus der eine weitere folgen sollte, nämlich, dass es keinen Sinn hat, den Feind in einem Virus zu sehen; wir müssen ihn vielmehr in uns selbst sehen, denn wir haben es dem Virus ermöglicht, sich in einer Weise zu verbreiten, die uns selbst im Traum nicht gekommen wäre. Gott gab den Menschen die Herrschaft über alles, was er in seiner Welt erschaffen hat, doch wie wir diese Herrschaft üben, schadet uns selbst und dem Frühling, der da ist.

 

Aus dem Tschechischen von Kristina Kallert

 

Efraim K. Sidon, 1942 in Prag geboren, war nach dem Studium an der dortigen Film- und Fernsehakademie als Hörspielautor und Dramaturg tätig. Seit 1970 mit Publikationsverbot belegt, arbeitete er in manuellen Berufen. Als Unterzeichner der Charta 77 wurde er verfolgt und entschied sich 1983 ins Exil zu gehen. 1978 konvertierte er zum Judentum und absolvierte in Heidelberg ein Studium der Judaistik. Seit 1990 lebt er wieder in Prag. 1992–2014 war er Oberrabbiner von Prag, bis heute ist er tschechischer Landesoberrabbiner.

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