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7. Mai 2020

Mirko Moritz Kraetsch: Ich bin ein Krisengewinnler

 

Ich bin ein Krisengewinnler. Denn am 21. März ist in der Literarischen Welt die von mir übersetzte Kurzgeschichte Intimabstand von Michal Hvorecky erschienen. Darin blickt der Autor aus einer wohl nicht allzu fernen Zukunft auf viele Jahre des Social Distancing zurück. Als ich den Text am 12. März das erste Mal las – das komplette Leben läuft dort virtuell übers Netz, von Schule über Religion, Theater und Wahlen bis hin zu amourösen Anbahnungen, die Leute sterben wie die Fliegen, dabei brutal nach Alter und Ethnie selektiert –, wirkte das sehr zugespitzt. Noch während ich den Text übersetzte, wurden um mich herum alle Schulen und Kulturinstitutionen geschlossen, religiöse Zusammenkünfte verboten. Firmen und Behörden stellten, wenn möglich, auf Homeoffice um, alle wurden zum Zuhausebleiben aufgefordert, und wenn man schon raus musste, dann mit Sicherheitsabstand zu anderen. Die Erfüllung einer literarischen Prophetie zum Zuschauen, sozusagen. Passiert einem selten.

 

Zwei Begriffe (englisch, klar) sind jetzt neu in unserem Alltagswortschatz aufgetaucht. „Homeoffice“ als Phänomen ist mir seit zwanzig Jahren vertraut. Als freiberuflicher Übersetzer aus dem Tschechischen und Slowakischen arbeite ich seit jeher „von zu Hause“ (so die von mir benutzte Formulierung). Für mich gab’s also keine Änderung in den Arbeitsabläufen – abgesehen von einem meiner Viertberufe: Berlin-Gästen die Stadt zeigen kann ich momentan und sicher auch noch für lange Zeit nicht –; auch wurde keins meiner aktuellen Übersetzungsprojekte verschoben oder gar abgesagt, wie es leider einigen Kolleginnen und Kollegen passiert ist. Bei tschechischer und slowakischer Literatur spielt es offensichtlich kaum eine Rolle, ob nun zum Buchstart eine Lesereise stattfinden kann; das tut es aber, bis auf seltene Ausnahmen, eh nicht, viel zu teuer angesichts des realistischerweise zu erwartenden Verkaufsumsatzes, und dazu die Sprachbarriere … Auch zue Buchläden (in Berlin und Sachsen-Anhalt sind sie allerdings geöffnet geblieben, wenn auch unter erschwerten Bedingungen) stellen wohl keinen besonderen Nachteil dar, denn ein Sonderschaufenster zum aktuellen Titel von Iva Procházková ist kaum mehr als ein schöner Traum. Tschechische und slowakische Literatur in deutscher Übersetzung findet schon ihren Weg zum Publikum. Oder eben nicht.

 

Problematisch ist der Begriff „Social Distancing“, erst recht in der deutschen Übersetzung „soziale Distanz“. Der Philosoph Julian Nida-Rümelin hat sich am 28. April dazu sehr treffend in der Rubrik Corona-Tagebuch in der 3sat-Kulturzeit geäußert. Das Phänomen ist schon seit den Pestepidemien im Mittelalter bekannt und bezieht sich auf die räumliche Absonderung Erkrankter. Auf dieser Überlegung basieren die Kontaktbeschränkungen und Abstandsgebote. Umso wichtiger ist es aber, die soziale Nähe über andere Kanäle aufrechtzuerhalten. Das ist ein Thema, das mich – zum Glück nur theoretisch, nicht aus eigenem Erfahren in meinem Umfeld – momentan beschäftigt. Um ungewollte Einsamkeit (Extremfall: Sterben in Isolation) zu vermeiden, bedarf es schleunigst vertretbarer Lockerungen bestehender Regelungen. Was zum Glück wohl auch geschieht.

 

Als Mensch, der beruflich mit Wortfindung zu tun hat, bin ich gerade für den sprachlichen Aspekt meiner Umwelt sehr empfänglich. Seit dem 29. April gibt es im Medienmagazin @mediasres beim Deutschlandfunk die Rubrik Sagen und Meinen. Dort werden Begriffe, die – in diesem Fall speziell von Journalistinnen und Journalisten – schnell einmal unreflektiert übernommen werden, aus der Nähe beleuchtet. Das ist sehr verdienstvoll, es schärft die Aufmerksamkeit. (Bis heute gibt es zwei Folgen, da freue ich mich schon auf viele mehr.)

 

Apropos: Auch das Tragen von Mundschutz und das ständige Beschalltwerden mit Ermahnungen zum Einhalten der Regeln sehe ich als Erinnerung daran, die eigene Aufmerksamkeit für diese Themen aufrechtzuerhalten. Vermutlich wird das auch ein bleibender Effekt sein, eine veränderte Wahrnehmung unserer Mitmenschen. Wobei – wenn ich bei meinen Wegen durch Berlin so sehe, was sich meine Zeitgenossinnen und Zeitgenossen unter einer Distanz von 1,50 m vorstellen, kann ich nur staunen. Ich bin wirklich nicht gut im Schätzen, aber fast alle Erwachsenen weisen eine Körpergröße zwischen eins fünfzig und zwei Metern auf, ich muss sie mir also nur liegend vorstellen und weiß Bescheid. (Demzufolge haben offenbar viele Leute sehr verzerrte Vorstellungen davon, wie groß sie sind.) Vorausgesetzt natürlich, meine Mitbürgerinnen und Mitbürger denken überhaupt über das Thema nach, wenn sie auf ihr Telefon starrend beim Vorübergehen meinen Oberarm streifen oder mit Musik auf den Ohren beim Joggen – ohne Mundschutz, weil dabei besonders lästig – keuchend ein Aerosolwölkchen hinterlassen, in das ich mit dem nächsten Schritt eintauche. Nicht dass ich besondere Angst vor einer Ansteckung hätte, ich gehöre zu keiner Risikogruppe, ich kann mich auch nicht erinnern, jemals von einer der Grippewellen betroffen gewesen zu sein. Aber unbedingt haben will ich das Zeug nun auch wieder nicht, wenn sich’s einrichten lässt.

 

PS. Das mit der Krisengewinnlerei ist übrigens eher virtuell. Denn das Honorar für meine Übersetzung habe ich bis zum 6. Mai noch nicht erhalten. Kommt aber sicher bald. 

 

Mirko Moritz Kraetsch, geboren in Dresden. Studium der Bohemistik und Kulturwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität und an der Prager Karlsuniversität. Seit 2000 freiberuflicher Übersetzer (Belletristik, Dramatik, Lyrik, Sachtexte) aus dem Tschechischen und Slowakischen sowie Sachbuchautor, zudem Literaturvermittler und Moderator von Lesungen. Nebenberuflich Stadtbilderklärer in Berlin und Umland.

 

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