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14. Mai 2020

Renata SakoHoess: Stifter lesen – oder (noch) nicht

 

Für mich gehören sie seit jeher zusammen: Adalbert Stifter und Tante Gusti. Wenn ich von diesem österreichischen Schriftsteller höre, der so sehr mit dem Böhmischen verbunden war, muss ich unwillkürlich an die „tschechische“ unter meinen Tanten denken, die 1912 zwar in Pressburg, aber wie dieser ihrer Hausheiligen noch in der habsburgischen Kaiserzeit geboren wurde. Deutsch war im Wortsinn ihre Mutter-(und zugleich Vater-) Sprache, die Familie verstand sich als ungarndeutsch bzw. karpatendeutsch, wie man es zwischen den Kriegen zu nennen begann. Da das Schulsystem mit dem Zusammenbruch der Doppelmonarchie, als die Stadt zum madjarischen Teilreich gehörte, nicht so rasch umgestellt werden konnte, waren Gustis erste Grundschuljahre durch das Ungarische geprägt. Zahlen konnte sie sich zeitlebens am besten in dieser Sprache merken, und Telefonnummern murmelte sie zunächst in dem mir rätselhaften Idiom vor sich hin, bevor sie sie übersetzt wiedergab.

 

Als dann in der ersten Tschechoslowakischen Republik viele Tschechen zum Aufbau des inzwischen slowakischen Landesteils ins nun umbenannte Bratislava kamen, lernte Tante Gusti den drahtigen Maschinenbauingenieur Jaroslav S. kennen und verheiratete sich kurz darauf nach Prag. Bis dahin war sie mit Slowakisch nur wenig in Berührung gekommen. Es verwundert daher nicht, dass sie fleißig Tschechisch zu lernen begann, um an die Kreise ihres Mannes besser Anschluss zu finden. In Praha-Karlín wurde sie zur begeisterten Leserin; mit den auch jüdisch-deutschen Freunden tauschte man sich gern über Bücher aus. Man verehrte Heinrich Mann (mehr als den Bruder Thomas), las gern Werfel, Feuchtwanger und Kisch. Gustis mitgebrachtes Deutsch behielt in der Masaryk-Republik als eine Sprache des Alltags seine Gültigkeit.

 

Zwei Tanten hatten bereits nach Kriegsende in München einen neuen Anfang gemacht, mit der Emigration 1968 fanden sich dann fast alle Mitglieder unsrer Pressburger Familie in Augsburg wieder. In den folgenden Jahren, allmählich dem Kindesalter entwachsend, wurde mir die kinderlose und verwitwete Tante Gusti zu einer anregenden Lesepartnerin. Gern entschlüpfte ich dem lebhaften Familienhaushalt mit jüngerem Bruder, Oma und Hund, um mich in ihrem stets adretten Apartment an den gedeckten Nachmittagstisch zu setzen. Zigarettenrauch und Chanel No. 5 vermischten sich zum Duftambiente behaglicher Teestunden. Wir tranken vorzugsweise aus durchsichtigem Chinaporzellan, nichts Kostbares, Massenware, aber doch sehr Filigran-Transparentes, das jenseits des Alltags lag. Und Tante Gusti war eine Meisterin in der Zubereitung köstlicher Mehlspeisen.

 

Da wurde mir einmal Adalbert Stifter wärmstens empfohlen. - Hm, die oben erwähnten Autoren kannte ich zum Teil aus der Schule. Den einen oder anderen ihrer erneut angeschafften Lieblinge, nun meist günstige Taschenbücher, borgte ich mir gern von Gusti aus. Stifter kam in einer leinenen Dünndruckausgabe in kräftigem Waldgrün auf den Tisch: viele, viele zarte Seiten, eng bedruckt, langatmig für eine etwa 15-Jährige. - Nein, danke, ich brachte es ungelesen wieder zurück. Es waren zum Einstieg die Bunten Steine gewesen, die ich in späterem Lebensalter durchaus mit Genuss las, den langen Atem auskostend. Doch damals stürmte ich vorwärts.

 

Wenn Gusti in meinen weiteren Jugendjahren in den Urlaub fuhr, vertraute sie mir ihren Wohnungsschlüssel an, damit ich nach Post und Pflanzen sah. Ich weitete die Aufgabe natürlich aus, um im Bücherschrank zu stöbern. Und entdeckte dann auch dieses und jenes, das man keineswegs mit nach Hause nehmen konnte. Es fand sich beispielsweise Der letzte Tango von Paris mit irritierend-reizvollen Fotos des alternden Marlon Brando zusammen mit einer jungen Frau in einer leeren Pariser Wohnung. Auch dies hatte Tante Gusti in den Regalen stehen, und es passte viel besser zu Tabakqualm und französischem Parfum als Adalbert Stifter. Doch da prallten nur scheinbar Welten aufeinander. Es ging um Leidenschaften, und Tante Gusti liebte eben auch die Natur, unternahm lange Spaziergänge, wanderte gern, holte sich Wiesensträuße oder knorrige Äste ins Heim, die sie dann mit Fingern, deren Nägel sorgfältig lackiert, jedoch stumpf gefeilt waren, liebevoll in der Vase arrangierte, nahezu asiatisch.

 

Tante Gusti ruht nun lange schon auf einem Augsburger Friedhof. Ihren tschechischen Mann hatte sie nach dessen frühem Tod nach Bratislava überführen lassen, weil sie von Prag dorthin zu ihrer Familie zurückgekehrt war, bevor sie im fortgeschrittenen Alter noch einmal die Stadt und in dem Fall auch das Land wechselte.

 

Selbstredend, dass es schließlich mir zufiel, die Wohnung der über Neunzigjährigen aufzulösen, wir standen uns bis zum Schluss sehr nah. Ins Pflegeheim brachte ich ihr die letzten Zigarettenpackerl und entsorgte später den zurückgebliebenen, im hohen Alter nicht mehr genutzten und deshalb eingetrockneten Chanel-Flakon. Alle Bücherregale mussten sorgfältig durchgesehen werden - meine eigene Bibliothek erfuhr dadurch eine belebende Infusion, die im Lauf der Zeit in mich hinein diffundiert und noch nicht aufgebraucht ist. Die zwei grünen Stifter-Rücken rufen die Erinnerung an Tante Gusti besonders wach. Und der Witiko drückt nach wie vor als Leseschuld. Doch ich bin zuversichtlich, mit meinem fortschreitenden Alter wird er sich gewiss zu einem Lesevergnügen wandeln.

 

Renata SakoHoess kam in einer deutsch-slowakischen Familie in Preßburg/Bratislava auf die Welt und verließ 1968 mit ihren Eltern die Tschechoslowakei. Nach einem Studium der Germanistik und Slawistik war sie u.a. an der Münchner LMU als Lehrbeauftragte für Slowakisch tätig. Sie veröffentlichte den Reiseführer Slowakei bei Dumont und einen Literarischen Reiseführer Pressburg/Bratislava. Sie schreibt Literaturkritiken und Reiseberichte u. a. für die Neue Zürcher Zeitung und die Süddeutsche Zeitung.

 

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