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28. Mai 2020

Peter Becher: Requiem für einen fremden Wanderer
(am 77. Tag der Quarantäne)

In memoriam Dušan Vančura (1937–2020)

 

Seit die Delfine nicht nur in den Kanälen von Venedig gesichtet werden, sondern auch unter den Moldaubrücken von Prag, öffnen sich täglich neue Türen in den kaltglatten Wänden der Quarantäne. Hinter ihnen lauschen und ducken sich die Erinnerungen vieler Jahre, die darauf warten, befreit und wiederbelebt zu werden. Die Erinnerung an den Sommer 1990 zum Beispiel, an dieses wunderbare Gefühl der Öffnung und Erstmaligkeit, dieses erregende Aufbrechen der Sinne und Wahrnehmungen.

 

Damals, als wir zur Grenze hinaufstiegen und die Schilder mit der Aufschrift „Pozor Hranice“ zum ersten Mal nicht eine eiserne Wand markierten, an der alle Wünsche und Absichten abprallten, sondern sich in Luken und Türen verwandelten, durch die wir ungehindert hindurchkriechen, ja hindurchschreiten konnten, damals … Auf der anderen Seite entdeckten wir die Traumfiguren Alfred Kubins und Josef Váchals, die von den Stimmungen und Temperaturen des Waldes erzählten, wir entdeckten die „Wimper dunkler Tannen“, die Adalbert Stifters naturaugenhaften See umschlossen hielten, und fanden die Reste eines verwitterten Lederbeutels, in dem einst die Gulden klimperten, die ein fürstlicher Waldheger für die Errichtung des Denkmals über dem See erhalten hatte. Das war Musik in den Ohren seiner Waldarbeiter, die von Amerika träumten, Musik auch in unseren Ohren, die wir ungläubig und zögernd in das Niemandsland vordrangen, jeden Augenblick gewahr, einen Stromschlag zu erhalten wie Kühe auf einer gesicherten Weide.

 

Doch nur die Fantasie erteilte uns Schläge, die nachhinkende Wahrnehmung der Fantasie, die kilometerlange Schneisen im Wald mit Stacheldrahtzäunen und Stromleitungen ausstattete, die längst demontiert waren, und das Ohr mit Hundegebell und Schritten narrte, die längst verklungen waren. So unwirklich wirkte der Obelisk auf uns, damals im Juli 1990, das Stifter-Denkmal, der „Herzschlag des Waldes“, so unwirklich kamen wir uns selber vor, ganz und gar ungewiss, substanzlos, gegenwartsunfähig.

 

Doch was war damals, was ist heute? Am Seeufer vor dem Kronprinzenstein entdecken wir einen Mann, der dort allein mit seinem Kontrabass in der Abenddämmerung steht und den Klängen nachlauscht, die er mit langen schmalen Fingern seinem Instrument entlockt. Wie kleine durchsichtige Boote gleiten die Töne über den See und kehren als leises Echo zurück. Ihre schimmernden Segel verwandeln sich ununterbrochen, mal steigen sie wie Seifenblasen auf, mal tanzen sie wie Schmetterlinge zwischen den Mücken. Noch intensiver als dieses klingende Spiel wirkt das untertönige Summen der Saiten, das im Rhythmus der Melodie über das Wasser wandert, ohne auch nur einen Zentimeter einzusinken.

 

Als sei er ein Teil der Landschaft, ein verwurzelter, verwitterter Baum, der hier sein Laubdach ausbreitet, steht der Musiker mit seinem Kontrabass am Ufer und spielt ein Lied von einem armen fremden Wanderer, das er viele Jahre mit dem Spirituál Kvintet gespielt hat, immer leiser und immer selbstverständlicher, bis er selbst zu diesem Wanderer geworden ist. Je tiefer die Dämmerung auf den See sinkt, desto mehr nimmt sein Gesicht unter den weißen Haaren die Züge eines alten Indianers, eines Medizinmannes an, in dessen Falten und Furchen sich die Spuren eines langen Lebens eingegraben haben. Es ist das Gesicht eines Mannes, der das Leid des Eingesperrtseins kennt und weiß, wie sehr es zermürben und zermartern kann, wenn es nicht nur Tage, sondern Monate und Jahre dauert. Ein Mann, der auch das Leid des Ausgesperrtseins kennt und weiß, wie sehr man verkümmern und vertrocknen kann, wenn die Sehnsucht nach geliebten Menschen und Orten nicht in Erfüllung geht. Die Verletzungen des Gefängnisses und des Exils, die bange Kraft der Hoffnung, des Glaubens, des Herzens, all das schwingt in den Klängen des Kontrabasses mit.

 

Der Mann steht allein am Seeufer und spielt, bis die wachsende Dunkelheit nur noch einen Schattenriss zeigt, seine Gestalt, die mit den Umrissen des Instruments verschmilzt und sich auflöst in der Melodie seines Lebens, die über den dunkelschillernden See wandert und an den Berghängen hinaufsteigt bis zu dem nächtlichen Blau des Himmels.

 

Peter Becher, 1952 in München geboren, Studium der Germanistik und Geschichte, Tätigkeit in der Jugendarbeit, beim Bayerischen Rundfunk und beim Goethe-Institut. 1986–2018 Geschäftsführer des Adalbert Stifter Vereins, seitdem Vorsitzender des Adalbert Stifter Vereins. Buchautor, z. B. Adalbert Stifter. Sehnsucht nach Harmonie. Eine Biografie (2017) [Tschechische Ausgabe 2019: Touha po harmonii], Mitherausgeber des Handbuchs der deutschen Literatur Prags und der böhmischen Länder (2017), Mitherausgeber der Europäischen Kulturzeitschrift „Sudetenland“.

 

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