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4. Juni 2020

Ivan Binar: Feuilleton für Ferdinand Malcher

 

Mitten im Feld auf dem Rain, zu dem sich die genossenschaftlichen Pflugscharen nicht durchgepflügt haben, steht ein zierliches Säulchen aus Beton, oben ein schmuckes Oval, und da hineingeritzt in deutscher Frakturschrift der Name Ferdinand Malcher, unter dem Namen ein Kreuz und das Datum: 30.7.1936. Blitzschlag, Herzversagen, ein scheuendes Pferd … gibt es sonst eine Möglichkeit, mitten im Sommer zwischen den Feldern von dieser Welt zu gehen? – Wir werden kaum erfahren, wer Ferdinand Malcher war. Wahrscheinlich ein Bauer, sicher ein Deutscher, schließlich sind wir hier im Sudetengebiet, und von den ursprünglichen Einwohnern ist im ganzen Dorf keine einzige Seele geblieben. Gehen mussten sie alle; wer welchen Anteil hatte an dem schrecklichen Krieg, danach hat niemand gefragt. Sie waren Deutsche, und sie sprachen deutsch, das hat genügt. Wäre Ferdinand Malcher nach dem Krieg am Leben gewesen, hätte auch er in die Fremde gehen müssen. In die verwaisten Häuser und Höfe zogen Tschechen aus Böhmen, aus Mähren und dem ukrainischen Wolhynien, auch Slowaken und Roma, und in den letzten Jahren haben selbst Landsleute aus Kasachstan hier eine neue Bleibe gefunden.

 

Ganz in der Nähe die Ruine eines Hofes. Bis vor Kurzem haben da zwei Brüder gewohnt. Im Suff haben sie mit der Zigarette auch das Dach überm Kopf in Brand gesteckt und nichts als ihr nacktes Leben gerettet, haben den Ort der Verwüstung verlassen und sind weitergezogen. Geblieben sind rauchschwarze Mauern und ungeerntete Äpfel. Von den Zweigen des Apfelbaums hat eine üppige Mistel Besitz ergriffen. Ein Kuss unter der Mistel am Heiligabend bringt Glück. – Auf dem Hügel gegenüber sind von der Mühle nur wenige Steine übrig, das Windige und ein Spatzenschwarm. Am Fluss unten schmiegt sich der Friedhof um eine kleine Kirche. Meist tragen die Toten tschechische Namen, deutsche Namen sind rar geworden.

 

Nach dem Wendenovember, als mit der Freiheit auch Unsicherheit hergeweht kam, haben die Einheimischen einen Busausflug nach Österreich organisiert. Man hatte ja so lange Zeit keinen Fuß irgendwo hinsetzen können! Wieder zurück, prahlten sie in der Wirtschaft, wer was in den Wiener Geschäften gestohlen hatte. Vielleicht haben sie sich das alles auch ausgedacht, Diebe schließlich sind sie ja nicht, sie waren es nur gewohnt, sich an Genossenschaftlichem gütlich zu tun und damit gewissermaßen an Eigenem, und das ist kein Diebstahl …

 

Die Landschaft hier ist sanft gewellt, von melancholischer Schönheit. Felder und Wälder im Wechsel, dazwischen Gehölz, eifrig wühlende Wildschweine, feengleich tummeln sich Rehe, und die Jägerstände werden mehr. Jäger zu sein gehört zum guten Ton, einen eigenen Ansitz zu haben, auf Tiere zu schießen. Früher war die Jagd auf Hochwild den Mitgliedern der Kommunistischen Partei vorbehalten; heute kann jeder, der es sich einbildet, mit der Kugelbüchse ballern.

 

Nicht weit von Ferdinand Malchers Gedenkstein haben wir uns nach dem Wendenovember ein Grundstück gekauft und ein Haus darauf gebaut, denn hier ist es schön und die Familie hat nun einen Ort, wo sie sich treffen kann. An glücklichen Tagen finden sich alle meine Enkelkinder hier ein – aus Prag und aus München. Ja, aus ebenjenem München, wo die Verbündeten uns vor dem Krieg verraten haben und von wo aus uns nach dem Krieg der amerikanische Sender Freies Europa in tschechischer Sprache Demokratie gelehrt hat. Das alles fasst ein einziger Ort, das alles passt in nur ein Jahrhundert! – Marie, Maximilian und Stella sind Tschechen, Kuba und Toníček Deutsche; nur interessiert sie das nicht, es ist, als ob sie es gar nicht wüssten; sie schustern beide Sprachen zusammen, und es stört sie kein bisschen. Zu Weihnachten werden sie wieder da sein, werden sich unter der Mistel, die sich aus der Krone von Ferdinand Malchers vertrocknendem Apfelbaum schält, auf tschechisch und deutsch verstehen. Mit diesen Kindern kommt eine Flut von Glück. Sie, so wollen wir glauben, werden keinen neuen Krieg mehr erleben und auch nicht, dass irgendwer aus seiner Heimat vertrieben wird.

 

Ivan Binar, geboren 1942 in Boskovice/Boskowitz, war Lehrer und Redakteur. 1977 emigrierte er erst nach Wien, 1983 nach München, wo er als Redakteur bei Radio Free Europe arbeitete. 1994 kehrte er schließlich nach Prag zurück, wo er heute wohnt. Auf Deutsch erschienen der Roman Rekonstruktion (1985) und Die Kunstkitterei (1997), 1992, 2000 und 2002 gab er mit Peter Becher den Deutsch-tschechischen Almanach heraus.

 

Übersetzt von Kristina Kallert

 

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