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2. Juli 2020

Johannes John: Über das Selbstverständliche

 

Ab dem 23. März wechselte man vom Bürobildschirm im 3. Stock der Münchner Residenz an den heimischen PC in Sendling: Auch dort lassen sich die Briefe transkribieren, die Adalbert Stifter im Spätherbst und Winter 1865 aus Kirchschlag an seine Gattin Amalia hinunter nach Linz schrieb und schicken ließ. Neben einleitenden, eingeschobenen oder abschließenden Versicherungen innigster Liebe, mit denen sich Stifter ebenso wortreich wie repetitiv in das Wunschbild einer idealen Ehe hineinschrieb – so der Common Sense der Forschung –, neben meteorologischen Notaten zu Wetter und der damit verbundenen Nah- und Fernsicht (wobei der zäh über Linz liegende Nebel ebenso bedauernd wie wohl auch klandestin erleichtert registriert wird, erinnert er zugleich doch an ein „prachtvoll schimmerndes silbernes Meer“), enthalten die in der Regel mehrseitigen Briefe vor allem zahlreiche Bitten und Aufträge.

 

Diese betreffen Kleiderfragen – „Ich bitte dich, kaufe dir einen Winterhut, der dein Herz erfreut, so ferne du ihn nur immer in Linz bekommen kannst“ – und -wünsche: „Sei so gut, u kaufe mir ein Paar sogenannter Fäustlinge, d. i. Handschuhe ohne Finger blos mit dem Daumen. Sie müssen Pelz sein, wenn es Fuchs wäre, wäre es prächtig.“ Nebst Ratschlägen wie diesen: „Trage in der kalten Zeit die Karlsbaderjuchtenstiefelchen; denn kalte Füsse sind die Quelle vieler Übel.“

 

Vor allem aber kreisen die Wünsche – wenig überraschend – immer wieder ums Essen und Trinken, woraus sich ebenfalls ein eigenes Florilegium basteln ließe: „Wenn ihr einen guten Nirnbraten habt, sende mir ein gebratenes Stükchen. Später einmal ein Repphuhn oder Krametsvögel, oder schike ein ungebratenes Repphuhn, auch einmal ein Stük Hasenrüken.“ Den sich Stifter im übrigen „zum Thee“ schmecken ließ. Oder: „Der Strizel wäre äußerst dringend, ich habe nur ein kleines Stükchen mehr. Nicht wahr, ich verzehre hier viel?“ Auch „zwei Pfunde Zwiebak in Rädern wären sehr willkommen.“ Die Dringlichkeit wird zuweilen ebenso geschickt wie unüberlesbar im Beiläufigen versteckt: „Ich habe jezt freilich zu meiner Jause bis Weihnachten lauter Rehrüken; aber immer Rehrüken ist ja auch betrübt.“ Im Gegenzug schickt Stifter Erdäpfel, Sandtorte, ein selbstgepflücktes „Schächtelchen Früchte unseres rauhen Klimas“ – Erdbeeren und Himbeeren – sowie das gesundheitsfördernde Wasser ins Haus an der Donau: letzteres in Flaschen, die er – nunmehr mit Wein gefüllt – nach Kirchschlag zu retournieren bittet.

 

Und dann irgendwann dieser Satz, der mich mit einem Schlag aus dem mikrophilologischen Tun herauskatapultierte, innehalten ließ und jene Wochen des Jahres 1865 mit dem Hier und Jetzt im Lockdown des Frühjahrs 2020 kurzschloss. „Freund Schaller“ hatte sich zu Besuch angesagt, was Stifter so kommentiert:

 

„Ich freue mich sehr auf ihn, erstens, weil er ein so treuer Freund ist, u zweitens, weil er von Linz kömmt, alles von Linz ist mir jezt wie ein Engelsbote.“

 

Urplötzlich gewittert es im Kopf und all die Bilder der über die Jahre gemeinsamer Arbeit (und nicht nur Arbeit) vertraut und lieb gewordenen Orte sind „da“, greifbar und flüchtig wie jede Erinnerung: Innsbruck, wo in diesen Monaten in Zusammenarbeit mit den beiden Kollegen der erste Briefband zur Satzreife gedeiht, Salzburg, wo nicht nur die Edition der Mappe meines Urgroßvaters inzwischen abgeschlossen werden konnte, sondern auch die Eltern begraben liegen. Wien, wo sich am 24. Mai 2011 in einem Ordner auf dem Speicher des Bodendenkmalamts in der Hofburg tatsächlich ein Brief von Stifter fand und wo mir am 14. Oktober 2016 Petra-Maria Dallinger im Hof von Schuberts Geburtshaus die frohe Kunde vom gerade gekürten Literaturnobelpreisträger überbrachte; und immer wieder Linz, wohin allein im letzten Jahrzehnt 22 Dienstreisen führten, die stets mehr waren als Dienstreisen: die Arbeitskonferenzen unserer Edition im StifterHaus, die jährlichen Institutssitzungen im November, die Vorträge, die ich dort auf Tagungen hören oder selbst halten durfte. Und nicht zuletzt auch der Bauernhof im oberösterreichischen Sauwald, jede Pfingsten für eine Woche Flucht- und Erholungspunkt seit mehr als einem Vierteljahrhundert … Nunmehr verschlossen, abgeschnitten, unzugänglich, und der Grenzübertritt, so hat man’s ermittelt, wäre keine Ordnungswidrigkeit, sondern eine Straftat.

 

Natürlich, es gibt die Mail, sogar die handschriftliche Post, es gibt Telefon und – man lernt rasch und gezwungenermaßen dazu – die Videokonferenz, etwa nach und mit Innsbruck. Und doch ist es nicht das Eigentliche, sondern vielmehr das defizitär Außer-Ordentliche, weshalb nun, was immer seither von dort über die verriegelte Grenze nach München gelangte, auch „mir jetzt wie ein Engelsbote“ zu werden begann. Was sich wiederum mit der wenige Zeilen zuvor zu Papier gebrachten Aufforderung an Amalia aus jenem Brief vom 12. Dezember 1865 verknüpfte:

 

„Seze dich also am Sonntage hin, u schreibe mir so viel Tratsch, als du nur immer willst.“

 

Nur dass ich diese Bitte an die Kolleginnen und Kollegen jenseits der Grenze, die ich nie – auch nicht im Spätsommer 2015 – als eine solche empfunden habe, wohl mit einem Ausrufezeichen beschlossen hätte!

 

Es ist Juni geworden, bald Juli. Die Grenze blieb auch an Pfingsten noch geschlossen, der Bauernhof in Voglgrub diesmal unbesucht, was schmerzte. Irgendwann wird mich der Railjet auch wieder nach Linz bringen, mit all den vertrauten Gewohnheiten und Ritualen: der Blick aus dem Fenster auf den Simssee, die Veste über der Salzach, der Wallersee; angekommen dann zu Fuß vom Bahnhof zum Hauptplatz, zwischen der nachmittäglichen Sitzung und dem Abendprogramm vielleicht noch ein Lauf von der Nibelungenbrücke an der Donau entlang, bis es am Hafen nicht mehr weitergeht. Am Abend dann die gemeinsame Zeit in der „Alten Welt“. Schließlich für den heimischen Wunschzettel die Einkäufe jener süßen Köstlichkeiten, die es nur hier gibt. Und dennoch: „The same procedure as every year?“

 

Ob „nach Corona“ nichts mehr wird wie vorher oder alles wie gehabt seinen Gang gehen wird? Müßig, dies jetzt zu diskutieren: es wird sich weisen. Dieser Gang ist für unsereins allenfalls beeinflussbar, wenn aus Erfahrung Erkenntnis wird. So etwa, dass es vermutlich ein Irrtum ist, das Selbstverständliche für selbstverständlich zu halten.

  

Johannes John, geboren 1957 in Rastatt, studierte Germanistik, Philosophie und Theaterwissenschaft in München. Promotion 1987 („Aphoristik und Romankunst. Eine Studie zu Goethes Romanwerk“). Seit 1997 in der "Kommission für Neuere deutsche Literatur" der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München Redaktor und Bandherausgeber der "Historisch-Kritischen Ausgabe der Werke und Briefe Adalbert Stifters". Lehrbeauftragter am Institut für deutsche Philologie der Universität München (1987-2017) und der Katholischen Universität Eichstätt. Er ist Mitglied des Adalbert-Stifter-Instituts in Linz, des Vorstands der Goethe-Gesellschaft München und Kuratoriumsmitglied im Adalbert Stifter Verein. 

 

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